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Mustergeschöpfe – Ausstellung in Schorndorf
Geschrieben am 9. Juli 2010 Keine KommentareStatt Nachrichten aus der Medizin gibt es heute einmal Denkanstöße aus der Kunst und eine Diskussion zu vermelden: “Mustergeschöpfe – Zwischen hohen Erwartungen und großen Befürchtungen” heißt eine Ausstellung, die am Freitag, dem 9. Juli um 19:00 mit einer Vernissage im Röhm eröffnet – auch bekannt als Alte Lederfabrik Schorndorf. Dort stellt die Künstlerin Verena Braunstein interessante Fragen: Macht es uns glücklicher, wenn wir all das verwirklichen, was möglich ist? Wenn alle Menschen vollkommen sind, verlieren wir dann unsere Identität?
“Da wachsen Zwitterwesen in einem Garten heran, kraftvolle Keimlinge strecken sich und Leckereien verführen uns zur Gestaltung unserer selbst – gleichzeitig gerät da auch etwas aus den Fugen, verläßt den kontrollierbaren Bereich, entwickelt ein Eigenleben”, heißt es im Prospekt. Es geht also um die Grenzbereiche des wissenschaftlichen Fortschritts, insbesondere um die Reproduktionsbiologie. Und weil die mich ebenso interessiert wie Frau Braunstein werde ich an diesem Tag gleich zwei mal mitdiskuttieren, sowohl in einer geschlossenen Schülerveranstaltung, als auch nach der Vernissage mit den Besuchern der Ausstellung. Und wer am Freitag nicht kommen kann, bekommt an folgenden Terminen eine zweite Chance, die Ausstellung zu sehen und sich näher mit der Thematik zu befassen:
- Am 11. Juli gibt es um 11:00 eine Sonntagsmatinée mit Frau Annegret Braun, Leiterin der Beratungsstelle Pränataluntersuchung und Aufklärung des Diakonischen Werks Württemberg. “Auf dem Weg zum perfekten Kind” lautet das Thema und es geht dabei um die Angst werdender Eltern, schon während der Schwangerschaft etwas zu versäumen. Das Thema geriet erst vor wenigen Tagen in die Schlagzeilen, nachdem der Bundesgerichtshof in einem Grundsatzurteil die Präimplantationsdiagnostik außerhalb des Mutterleibs quasi erlaubt hat (genauer: Sie wird nicht bestraft).
- Die Ausstellung ist geöffnet am Samstag, dem 10.7. von 15:00 bis 19:00 und am Sonntag, dem 11.7. von 11:00 bis 18:00 sowie am
- Freitag, dem 16.7. von 16:00 bis 21:00, Samstag 17.7. von 15:00 bis 19:00 und Sonntag 18.7. von 11:00 bis 18:00.
Für alle, denen der Weg nach Schorndorf zu weit ist, oder die sich nach der Ausstellung noch aus weiteren Quellen über die Möglichkeiten, Grenzen und auch den Missbrauch der Techniken zum “Baby-machen” informieren wollen, habe ich folgende Lese- und Videotipps:
- Die Wikipedia mit zahlreichen Fakten zur künstlichen Befruchtung
- “Frozen Angels” (Engel auf Eis) von Frauke Sandig und Eric Black ist eine spannende, 90-minütige Dokumentation über die US-Befruchtungsindustrie und deren Auswüchse, die seit dem Erscheinen des Films im Jahr 2005 keineswegs geringer geworden sind. Der Film hat sogar eine eigene Webseite, Sie können sich aber auch die DVD bei Amazon bestellen.
- Deutlich kürzer, mit Schwerpunkt auf den Verhältnissen in Deutschland und deutlich positiver wurde das Thema dargestellt in einer Quarks & Co Sendung im September 2008 mit dem Titel: Der steinige Weg zum Wunschkind. Auf der WDR-Webseite kann man sowohl ein Manuskript als auch einen Mitschnitt bestellen. Ganz nebenbei wäre es wohl auch eine interessante Übung für das Fach Medienkunde, den Film “Frozen Angels” mit der WDR-Produktion zu vergleichen.
- Der Science-Fiction Film GATTACA schließlich greift in äußerst beeindruckender Weise das Thema der Optimierung des Menschen durch die Möglichkeiten der Gentechnik auf. Als gelernter Genetiker halte ich GATTACA für einen der besten – und realistischsten – Science-Fiction-Filme überhaupt. Eine schöne Besprechung findet sich auf Wikipedia, und natürlich kann man auch diese DVD bei Amazon bestellen.
- Zurück in der Wirklichkeit: Die Kinderwunsch-Seite
gibt Nachhilfe nicht nur über die Grundlagen der Fruchtbarkeit und die natürliche Familienplanung, sondern informiert auch über die zahlreichen Methoden, mit denen Ärzte versuchen, unerfüllte Kinderwünsche zu verwirklichen. Ergänzt wird die gut gemachte Seite durch ein sehr reges Forum, Buchtipps und zahlreiche Service-Angebote.
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Pharmaindustrie: Was nicht passt, wird verschwiegen
Geschrieben am 17. Mai 2010 Keine KommentareEs gibt viele Arten zu lügen, und eine davon ist es, die Wahrheit zu verschweigen. Offensichtlich ist diese Art von Lügen sowohl in der Pharmaindustrie als auch an Universitäten weit verbreitet, wie nun eine Untersuchung des Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) ergeben hat. Die noch unter Ex-Kanzler Gerhard Schröder gegründete Einrichtung hat unter anderem die Aufgabe, den Nutzen von Arzneimitteln unabhängig und im Interesse der Patienten und Beitragszahler zu bewerten. Und dass wir solch eine Einrichtung bitter nötig haben, beweisen die Mitarbeiter des IQWIG mit ihrer Studie, die soeben in der Fachzeitschrift Trials veröffentlich wurde. Was da genau ´drin steht, kann man hier nachlesen, die zugehörige Pressemitteilung habe ich im folgenden komplett abgedruckt:
Die Geheimarchive der Medizin
Niemand weiß, wie vielen Müttern und Kindern die Geburtszange bereits das Leben gerettet hat. Das Instrument gehört seit etwa 250 Jahren zur Grundausstattung jedes Kreißsaals. Trotzdem gibt es einen Schatten auf der Erfolgsgeschichte: Denn nachdem die Brüder Chamberlen die Zange Anfang des 17. Jahrhunderts erfunden hatten, wurde sie über 3 Generationen von ihnen und ihren Nachkommen eingesetzt, aber vor anderen Geburtshelfern geheim gehalten. Während die Familie der Chamberlens sich dank der Zange Ruhm und Reichtum erwarb, starben andernorts weiterhin Mütter und Kinder, weil das Instrument dort nicht verfügbar war.
Die Geschichte der Geburtszange ist eines der ältesten dokumentierten Beispiele dafür, welche Folgen Geheimhaltung in der Medizin haben kann. Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) haben jetzt in einem Artikel für die Fachzeitschrift „Trials“ über 60 Fälle zusammengetragen, wie die Ausbreitung von Wissen in der Medizin behindert wurde. Dazu haben sie hunderte von Artikeln aus Fachzeitschriften und andere Quellen ausgewertet, unter anderem aus den Gebieten Psychiatrie, Schmerztherapie, Herz-Kreislauf-Medizin, Hautkrankheiten, Krebstherapie, und Infektionskrankheiten. Entsprechend groß ist auch die Spannbreite der betroffenen Verfahren: Sie reicht von Arzneimitteln über Impfstoffe bis hin zu Medizinprodukten wie Ultraschallgeräten oder Hilfsmitteln zur Wundversorgung. Die Sammlung liest sich wie ein Skizzenbuch zu einer Krimiserie.
Verschweigen ist häufig

Ein Gegengewicht zur Pharmaindustrie: Das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (Foto: IQWIG)
In der Wissenschaft wird das Phänomen „publication bias“ genannt, zu Deutsch etwa „Verzerrung durch selektives Veröffentlichen“. Das geschieht auf zwei Ebenen. Auf der obersten Ebene bleiben ganze Studien unveröffentlicht: So zeigt eine Analyse von 90 neu in den USA zugelassenen Medikamenten, dass diese in insgesamt 900 Studien erprobt worden waren. Aber auch 5 Jahre nach der Zulassung waren 60 % dieser Studien noch nicht veröffentlicht. Auf der zweiten Ebene werden nur ausgewählte Ergebnisse aus Studien publiziert: Forscher müssen heute vor Beginn einer Studie in einem so genannten Studienprotokoll aufschreiben, welche Ergebnisse sie messen wollen und wie diese ausgewertet werden. Vergleiche mit späteren Veröffentlichungen in Zeitschriften zeigen, dass in 40 bis 60 % der Studien Ergebnisse entweder ganz weggelassen oder die Auswertungen geändert wurden. „Dadurch werden Studienergebnisse oft positiver dargestellt als sie es eigentlich sind“, sagt Beate Wieseler, Stellvertretende Leiterin des Ressorts Arzneimittelbewertung im IQWiG.
Das betrifft nicht nur pharmafinanzierte Studien. So zitieren die IQWiG-Mitarbeiter eine Analyse, in der 2000 Studien im Bereich Krebsmedizin nach Geldgebern getrennt ausgewertet wurden. Hier war der Anteil publizierter Studien extrem niedrig: Von den industriefinanzierten Projekten waren 94 Prozent nicht veröffentlicht, aber auch von den durch Universitäten finanzierten Projekten fehlten 86 %. „Auch Zulassungsbehörden sind aufgrund gesetzlicher Regelungen teilweise dazu gezwungen Daten zurückzuhalten“, sagt Thomas Kaiser, Leiter des Ressorts Arzneimittelbewertung.
Den Schaden haben die Patienten
Das hat oft Konsequenzen für Patientinnen und Patienten. Es kann einerseits dazu führen, dass – wie im Fall der Geburtszange – vorteilhafte Maßnahmen zu spät eingesetzt werden oder sich zu langsam ausbreiten. Häufiger ist aber, dass gerade schlechte Nachrichten und Misserfolgsmeldungen unveröffentlicht bleiben. „Das hat zur Folge, dass Ärzte und Patienten Therapien einsetzen, die in Wahrheit nutzlos oder sogar schädlich sind“, sagt Beate Wieseler. Forscher schätzen zum Beispiel, dass in den 1980er Jahren verschriebene Medikamente gegen Herzrhythmusstörungen zehntausende Menschen das Leben gekostet haben, weil frühe Hinweise auf gefährliche Nebenwirkungen nicht veröffentlicht wurden.
Appelle genügen nicht
Auslöser für die Suche der IQWiG-Mitarbeiter nach dokumentierten Beispielen für „publication bias“ waren die eigenen Erfahrungen, die das Institut in der täglichen Arbeit macht, zuletzt beispielsweise bei der Bewertung des Medikaments Reboxetin zur Behandlung von Depressionen. Hier hat das Pharmaunternehmen Pfizer dem IQWiG erst unter öffentlichem Druck Studien zur Verfügung gestellt, die es bis dahin unter Verschluss gehalten hatte. Und in diesen unveröffentlichten Studien schnitt Reboxetin erheblich schlechter ab, als es zuvor anhand der veröffentlichten Studien den Anschein hatte. „Über viele Jahre wurden Patientinnen und Patienten, aber auch Ärztinnen und Ärzte getäuscht“, sagt Beate Wieseler.
Die in „Trials“ veröffentlichte Fallsammlung zeigt, dass die Neigung, unliebsame oder nicht den eigenen Erwartungen entsprechende Ergebnisse unter den Tisch fallen zu lassen, so weit verbreitet ist, dass Appelle und Vorschläge freiwilliger Lösungen das Problem nicht wirksam beheben können. „Die zunehmende Anmeldung von Studien in öffentlichen Registern ist ein wichtiger erster Schritt“, sagt Thomas Kaiser: „Wir brauchen aber zum Schutz von Patienten gesetzliche Regelungen, damit Ergebnisse aller klinischen Studien zügig und vollständig veröffentlicht werden. “
Quelle:
- McGauran N et al. Reporting bias in medical research – a narrative review. Trials 2010 Apr. 13;11:37
Weitere Informationen:
- Die Wikipedia über das IQWIG
- Antidepressiva: Nutzen von Reboxetin ist nicht belegt. (Pressemitteilung des IQWIG vom November 2009)
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Spindel-Transfer soll viele Erbkrankheiten verhindern
Geschrieben am 26. August 2009 Keine KommentareUS-Forscher haben eine neue Technik entwickelt, mit der sich womöglich die Weitergabe von mindestens 150 Erbkrankheiten verhindern ließe. Der so genannte Spindel-Transfer erlaubt es, Erbmaterial aus zwei verschiedenen Eizellen neu zu kombinieren, sodass defekte Gene aus den “Kraftwerken” (Mitochondrien) mütterlicher Zellen nicht mehr auf die nachfolgende Generation übertragen werden. Zum Beweis präsentierten die Wissenschaftler der Presse Fotos von drei gesunden, neugeborenen Rhesusaffen, die mit der neuen Technik gezeugt wurden.

"Spindler" heißt dieses Äffchen, das mit der neuen Technik gezeugt wurde (Bild: Oregon National Primate Research Center at OHSU)
“Wir glauben, dass diese Entdeckung sich schnell auch beim Menschen in Therapien gegen solche Erbkrankheiten ummünzen ließe, die von Müttern mit der Erbsubstanz der Mitochondrien auf ihre Kinder übertragen werden”, erklärte Shoukhrat Mitalipov, der das Forscherteam am Nationalen Primaten-Forschungszentrum der Oregon Health & Science Universität geleitet hat. Laut Mitalipov sind derzeit 150 solcher Krankheiten bekannt und etwa jedes 200ste Kind wird mit Mutationen in der Erbsubstanz der Mitochondrien geboren. Solche Gendefekte wurden in den vergangenen Jahren mit zahlreichen Leiden in Verbindung gebracht, darunter Diabetes, Krebs und Unfruchtbarkeit sowie Alzheimer, Parkinson und die Huntington-Krankheit.
Mitochondrien sind Gebilde im Inneren von Zellen. In ihnen laufen chemische Reaktionen ab, aus denen alle höheren Lebewesen die Energie für Stoffwechsel und Wachstum beziehen. Während der weitaus größte Teil aller Erbinformationen im Zellkern einschlossen ist, enthalten Mitochondrien zusätzlich eigene Erbsubstanz – die so genannte mitochondriale Desoxiribonukleinsäure (mtDNS). Wenn bei der Zeugung die sehr kleine Samenzelle in die wesentlich größeren Eizelle eindringt, entsteht ein Embryo, dessen Mitochondrien ausschließlich von der Mutter stammen. Dies ist der Grund, warum mitochondriale Erbkrankheiten nur von der Mutter weitergegeben werden, und deshalb haben die Forscher mit dem Spindel-Transfer auch ein Verfahren entwickelt, bei dem die Mitochondrien einer erblich vorbelasteten Mutter quasi ausgefiltert werden.
Bisher hat dies zwar “nur” bei Affen geklappt, aufgrund der großen Ähnlichkeit zwischen den beiden Arten sollte der Spindel-Transfer beim Menschen jedoch technisch machbar sein. Allerdings müssten zuvor etliche ethische und juristische Probleme ausgeräumt werden, mahnt ein Kommentator in der Fachzeitschrift Nature. “Viele Paare stehen vor der unerfreulichen Wahl, entweder auf ein Kind zu verzichten, oder das Risiko einzugehen, eine behindernde Krankheit zu vererben.” Dennoch werde die Erforschung von Reproduktionstechniken zur Verringerung dieses Risikos erschwert durch die Ansichten der Öffentlichkeit gegenüber Eingriffen in den natürlichen Lauf der Dinge. Zu zeigen, dass der Spindel-Transfer auch beim Menschen funktioniert wäre in vielen Ländern gesetzlich verboten. Dafür müssten eigens für Forschungszwecke Embryonen gezeugt werden, was etwa nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft würde. Während die Bezahlung von Eizell-Spenden für die Forschung fast weltweit geächtet ist, werden in manchen Befruchtungskliniken für die gleichen Eizellen tausende von Dollarn gezahlt, wenn sie von besonders attraktiven und intelligenten Frauen kommen, moniert der Nature-Kommentator weiter.
Theoretisch habe man gezeigt, dass sich die Übertragung mitochondrialer Erbkrankheiten verhindern ließe, betonte denn auch US-Forscher Mitalipov und fügte hinzu: “Wir glauben, dass mit entsprechender Genehmigung der Regierung unsere Arbeit schnell zu klinischen Versuchen beim Menschen führen könnte – und letztendlich auch zu erlaubten Therapien.”
Quelle:
Nachlese:
- Unter dem Wust von Artikeln zum gleichen Thema habe ich beim Tagesspiegel Berlin diese Perle gefunden: Neue Kraftwerke für die Zelle. Bravo, Kai Kupferschmidt!



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