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Früh übt sich, wer ein guter Vater wird
Geschrieben am 19. Oktober 2009 Keine KommentareWie gut Männer für ihre Kinder sorgen, hängt auch davon ab, ob sie selbst als Babies von ihrem Vater umsorgt wurden. Diese Vermutung haben Hirnforscher nun mit Tierversuchen an der Kalifornischen Maus (Peromyscus californicus) erhärtet, einer der wenigen Säugetierarten, bei denen die Väter unter natürlichen Umständen Brutpflege betreiben.
„Unsere Beobachtungen legen nahe, dass die väterliche Pflege während der Entwicklungsphase den Umfang und die Qualität des väterlichen Verhaltens später im Leben beeinflusst“, erläuterte die Doktorandin Erin Gleason von der Psychologischen Abteilung der Universität Wisconsin auf der Jahrestagung der Society for Neuroscience in Chicago. Mit ihren Kolleginnen hatte Gleason das Verhalten von zwei Gruppen von Mäusevätern und deren Nachkommen untersucht. In der einen Gruppe waren die erwachsenen Männchen kastriert worden und hatten deshalb weniger Testosteron im Körper. Diese Männchen verbrachten weniger Zeit in engem Kontakt mit ihren Jungen und pflegten diese auch weniger gut als eine Vergleichsgruppe normaler, nicht kastrierter Männchen.
Als die Jungen aufgewachsen waren, durften sie sich mit Weibchen paaren und die Forscher zeichneten dann mit Videokameras auf, wie die Söhne kastrierter und nicht-kastrierter Väter nun ihrerseits mit dem eigenen Nachwuchs umgingen. Die Auswertung der Videoaufnahmen ergab, dass die künstliche Verringerung des Geschlechtshormons Testosteron auch für die Enkel spürbare Folgen hatte. Die Söhne der kastrierten Väter verbrachten nämlich eindeutig weniger Zeit mit ihren Jungen und sie ließen den Nachwuchs annähernd doppelt so lange allein, wie die Väter der Vergleichsgruppe. Außerdem konnte Gleason beobachten, dass die in ihrer Kindheit vernachlässigten Mäuse ihre Jungen zwar vier Mal so oft aufsammelten – allerdings gelang es diesen Vätern meistens nicht, ihre Jungen auch zurück ins Nest zu bringen.
Für Gleason ist die Studie ein klarer Hinweis, dass Gene alleine das unterschiedliche Verhalten bei der Brutpflege nicht erklären können. „Vielmehr wird das väterliche Verhalten bereits während der frühen Kindheit geprägt“, so Gleason – „und wahrscheinlich ist dies bei Menschen genau so.“
Quelle:
- Gleason AD, Marler CA. Epigenetic Transmission of Paternal Behavior in the Monogamous and Biparental California Mouse, Peromyscus Californicus. Abstract 100.9. des 2009 Neuroscience Meeting Planner. Chicago, IL: Society for Neuroscience, 2009. Online.
Weitere Informationen:
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- Alle Berichte von der Society for Neuroscience bei Simmformation v7
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Hirnveränderungen bei Stotterern sichtbar gemacht
Geschrieben am 18. Oktober 2009 Keine KommentareNervenbahnen, die Signale zwischen dem Hör- und Sprachzentrum der linken Hirnhälfte übertragen, sind bei Stotterern offenbar unterbrochen, berichteten Mitarbeiter der nationalen Gesundheitsinstitute der USA (NIH) auf dem weltweit größten Treffen von Hirnforschern in Chicago.
In der rechten Hirnhälfte fließen die Daten bei Stotterern zwar leichter als bei Menschen ohne Sprachprobleme, fand Soo-Eun Chang mit ihren Kollegen heraus. Dies nützt den Stotterern aber wenig, da Worte und Sprache in aller Regel von der linken Seite des Denkorgans viel leichter geformt werden, als von der rechten. Untersucht und miteinander verglichen wurden 21 gesunde Erwachsene, die bereits von Kind an gestottert hatten, und 21 weitere gesunde Freiwillige ohne Sprachprobleme.
Dass das Gehirn von Stotterern „seitenverkehrt“ angelegt sei, hatte man bereits vor 80 Jahren postuliert. Auch hatten frühere Studien immer wieder Unterschiede im Energieverbrauch zwischen den beiden Hirnhälften bei Stotterern gegenüber flüssigen Sprechern gezeigt. Erst in den vergangenen Jahren ist es den Neurowissenschaftlern jedoch gelungen, den Datenfluss zwischen verschiedenen Hirnregionen entlang der Nervenbahnen sichtbar zu machen.
“Unsere Studie ist die erste, bei der die beim Stottern gestörten Verbindungen derart detailliert erfasst wurden“, erklärte Chang, die nach ihrer Doktorarbeit als Professorin an die Universität von Michigan gewechselt ist. Die Koordinationsstörung zwischen sprachverarbeitenden und spracherzeugenden Regionen der linken Hirnhälfte zeigten die Stotterer sogar dann, wenn sie schwiegen. Für Chang ist das ein klarer Hinweis darauf, dass der gestörte Datenfluss nicht etwa eine Folge des Stotterns ist, sondern dass die „schlechte Leitung“ die Ursache der Sprachstörung sein könnte.
Der Vortrag war nur einer von mehr als 14000 Präsentationen auf der 40. Jahrestagung der Society for Neuroscience, zu der noch bis zum Mittwoch etwa 35000 Spezialisten aus aller Welt erwartet werden.
Quelle:
- Chang S, Horwitz B, Ludlow CL. Inter- and intra-hemispheric functional connectivity differs during speech and non-speech production in stuttering speakers. Abstract 82.2 des 2009 Neuroscience Meeting Planner. Chicago, IL: Society for Neuroscience, 2009. Online.
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Buchbesprechung: Valentin Braitenberg erklärt die Welt
Geschrieben am 8. Oktober 2009 Keine Kommentare“In diesem Buch will ich versuchen, eine Weltanschauung – meine eigene – in ihrer Gesamtheit darzustellen”, verspricht Valentin Braitenberg im Vorwort seines neuen Werkes: “Das Bild der Welt im Kopf – Eine Naturgeschichte des Geistes“. In der Wikipedia wird Braitenberg als “Hirnforscher, Kybernetiker und Schriftsteller” vorgestellt, außerdem als ehemaliger Direktor am Max-Planck-Institut für Kybernetik in Tübingen. Weil diese Beschreibung zwar genau ist, aber doch verkürzt, und weil es ziemlich schwierig ist, diesem originellen Kopf gerecht zu werden, möchte ich lieber etwas weiter ausholen und zitiere dazu vom Einband des bereits genannten, 211 Seiten starken Bandes:

Lebt für die Lust am Verstehen: Professor Valentin Braitenberg (Foto: Schattauer Verlag)
“Professor Dr. Dr. h. c. Valentin Braitenberg. In Bozen geboren – im selben Jahr wie die Quantenmechanik, die Königin von England und Fidel Castro. Italienisches humanistisches Gymnasium sowie Ausbildung als Geiger am Konservatorium in Bozen. Im letzten Kriegsjahr in Folge unbedachter Äußerungen Mitglied einer Strafkompanie, die mit dem Ausgraben unexplodierter Bomben in Innsbruck betraut wurde. Dann Bratschist im Tiroler Landesorchester in Innsbruck, Student der Physik, später der Medizin. Promotion und Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Rom. Nach Forschungsjahren in Deutschland und in den USA Habilitation in Kybernetik und Informationstheorie… Autor von mehreren Sach- und Fachbüchern. Valentin Braitenberg lebt, mit einer New Yorkerin verheiratet, in Tübingen, Meran und Neapel.”
Zurück zum Vorwort, wo der sympathische Professor (ein Besuch in seinem Labor liegt nunmehr bald 20 Jahre zurück) erklärt, das Buch sei vor allen Dingen dem Wunsch entspungen, “das Gedankengebäude, in dem ich mich behaglich eingerichtet habe, auf seine Geschlossenheit zu überprüfen. Dahinter verbirgt sich keineswegs der Gedanke, dass meine Art, die Welt – und mich in ihr – zu sehen, etwa die bestmögliche oder gar die einzig mögliche sei. Eher schon verstehe ich sie als einen Köder, der mir Leute, die ähnlich denken, zuführen und vielleicht zu Freunden machen könnte. Doch sind mir die anderen, die gute Gründe haben, anders zu denken, genau so lieb.” Und weiter stichelt Braitenberg: “In der sicheren Erwartung, dass mich die Philosophen nicht zitieren werden, zitiere ich sie auch nicht.”
Auf das Vorwort folgt noch ein Beipackzettel – eine kleine Gebrauchsanweisung, in der Braitenberg seinen Lesern empfiehlt, die Dosis von einem Kapitel pro Tag nicht zu überschreiten. Von der Lektüre nach den Mahlzeiten wird abgeraten. Kapitel 1 könne Widerwillen auslösen und solle dann übersprungen werde, in Kapitel 3 droht Schwindelgefühl, “besonders, wenn man sich nicht genug Zeit für Meditation nimmt”, andere Passagen könnten allergische Reaktionen hervorrufen oder Ermüdungserscheinungen, doch seien Unverträglichkeiten mit anderen Weltanschauungen bisher nicht beobachtet worden.
So weit, so gut. Wir sind gewarnt. Überfliegen noch schnell ein Vorwort des Hirnerklärers und -forschers Manfred Spitzer und stürzen uns hinein in das Lesevergnügen. Die Lust am Verstehen sei der Grund für seine Mühe gewesen, sagt Braitenberg und zieht uns wie versprochen mit erstaunlicher Leichtigkeit hinein in seine Welt. Erklärt ´mal eben, warum Mensch, Tier und Pflanze am Leben hängen und läßt durchblicken, dass diese Erklärung ihm fast schon hinreicht, um auch den Sinn des Lebens zu erklären – oder jedenfalls das, was uns alle antreibt. Im Abschnitt “Verstehen” geht es um Wissenschaft und ihre Spielregeln, um Menschen, die geistige Kataloge erstellen und solche, die aus Sucht oder aus Faulheit nach Regeln suchen.
“Im Grunde bin ich aber in mein eigenes Denken verliebt”, entschuldigt sich Braitenberg verschmitzt und verweist wie zur Entschuldigung darauf, dass diese Lust am Verstehen, die ihn durchs Leben trägt, keine Sättigung kennt. Außerdem habe diese Lust anderen Lüsten vieles voraus: “Anders als beim Raffen von Geld und Macht oder beim Sammeln von Liebestrophäen nimmt das,was ich gewinne, wenn ich der Lust am Verstehen nachgehe, keinem Menschen etwas weg”. Es folgt eine umwerfende Utopie für die Satzung einer Republik mit zehn Regeln, darunter einer Schulpflicht bis ins Rentenalter. Am besten gefällt mir Paragraph zehn, wonach die Satzung der Republik vom Volk mit 6/7Mehrheit geändert werden kann. “Das Volk in diesem Sinne besteht aus allen Bürgern im Alter zwischen 40 und 50 Jahren, die überdurchschnittliche schulische Leistungen nachweisen können. Ausgenommen sind Geisteskranke, Millionäre, Betreiber von Fernsehanstalten, Designer, Stars im Sport- oder Showgeschäft oder Berufspolitiker.” Ist diese Utopie ernst gemeint oder nicht? Wie kam der Mann auf diese zehn Regeln?
Zu Schade, dass an diesem Punkt, am Ende des ersten Kapitels, weitgehend Schluss ist mit lustig. Bitte Herr Braitenberg – lassen Sie uns (in ihrem nächsten Buch?) teilhaben an jenen Gedanken, die ihrer utopischen Republik zugrunde lagen. Denn von nun an ging es mit dem Lesevergnügen für mich leider bergab. Der scharfe Intellekt des Autors und seine Gabe, Zusammenhänge aufzuzeigen, blitzt zwar immer wieder auf und auch im zweiten Kapitel – dem Blick nach innen – komme ich nicht umhin, immer wieder zustimmend-anerkennend-überrascht-erfreut zu nicken, und meine Notizen an den Rand zu kritzeln.
Vielleicht liegt es an meinem Beruf als Wissenschaftsjournalist, vielleicht an meiner Spezialisierung auf die Hirnforschung, jedenfalls erschienen mir restlichen Kapitel weitaus weniger spannend und einleuchtend. Zwar sind auch die Meditationen über die physikalische Welt sowie über die Entstehung und Vermehrung von Lebewesen durchaus lesenswert und durchzogenen von originellen Gedanken und Erläuterungen. Spätestens wenn Braitenberg jedoch zu seinem eigentlichen Spezialgebiet kommt, dem Gehirn als Ebenbild der Welt, seinem Gebrauch und dem darin verankerten Sinn für Ästhetik, hätte ich mir etwas mehr Zurückhaltung bei der Erläuterung der Anatomie und Physiologie unseres Denkorgans gewünscht. In seinem Beipackzettel hatte Braitenberg zwar fairerweise vor Emüdungserscheinungen bei diesen Kapiteln gewarnt. Dennoch erlaube ich mir zu sagen: Weniger wäre hier mehr gewesen.
Hier konnte Braitenberg, der wohl an die vierzig Jahre lang Hirnschnitte durch das Mikroskop angeschaut hat, sich weniger gut in den Leser hinein versetzen. Dem Buch schadet es jedenfalls, dass nach dem furiosen Auftakt peu a peu der Anteil an Erklärungsbedürftigem zu- und die Spannung dadurch abnimmt. Wer wie bei einem Kriminalroman auf den letzten Seiten eine Auflösung erwartet, die den Leser für seine Geduld belohnt, muss sich auf eine Enttäuschung einstellen. Wer sich von dieser Aussicht nicht abschrecken läßt, wird jedoch auch jenseits des dritten Kapitels noch einigen Rosinen finden, die der Mühe wert sind. Mit dieser kleinen Einschränkung möchte ich mich dem Urteil Manfred Spitzers anschließen: Die cartesianischen Meditationen á la Braitenberg geraten jedem denkenden Menschen zu einem ganz privaten Vergnügen der besonderen Art.
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Verkümmerter Nervenstrang bei Unmusikalischen
Geschrieben am 18. August 2009 Keine KommentareFalls Sie zu den Menschen gehören, die den richtigen Ton einfach nicht treffen und deren Gesänge andere erschaudern lassen, so hat die Wissenschaft für Sie zwar noch keine Abhilfe zu bieten, aber zumindest eine mögliche Erklärung parat: Bei unmusikalischen Menschen scheinen bestimmte Nervenfasern im Gehirn verkümmert zu sein, berichten Forscher in der Fachzeitschrift Journal of Neuroscience. Insbesondere ein Bündel namens Fasciculus arcuatus, über das Informationen zwischen wahrnehmungverarbeitenden und bewegungssteuernden Regionen des Denkorgans ausgetauscht werden, ist bei unmusikalischen Menschen dünner und es enthält auch weniger Nervenzellfortsätze als bei jenen knapp 90 Prozent der Bevölkerung, die einigermaßen passabel singen können.

Sprachregionen des Gehirns. Der Fasciculus arcuatus verbindet das grün gezeichnete Wernicke-Areal mit dem blau gezeichneten Broca-Areal. (GNU Free Documentation Licence. Autor: James.mcd.nz)
Für ihre Untersuchung nutzten die Hirnforscher Dr. Psyche Loui, Dr. David Alsop und Professor Gottfried Schlaug vom Labor für Musik und Neuroimaging der Harvard Medical School eine Variante der Magnetresonanztomographie (MRT), mit der sie die Verbindungen zwischen dem rechten Schläfenlappen und dem Stirnhirn ausmessen konnten, ohne ihre 20 freiwilligen Versuchspersonen zu berühren oder mit Strahlung zu belasten. Auf die “Datenautobahn” des Fasciculus arcuatus konzentrierten sich die Neurowissenschaftler, weil man bereits weiß, dass hierdurch die Wahrnehmung von Musik und Sprache mit der Steuerung des Stimmapparates verbunden ist. Es ergab sich, dass das Nervenbündel bei den zehn unmusikalischen Probanden im Durchschnitt eindeutig dünner war und weniger Nervenfortsätze enthielt, als bei den zehn Freiwilligen, die anständig singen konnten. In der rechten Hirnhälfte war der obere Teil des Fasciculus arcuatus bei den unmusikalischen Freiwilligen mit der MRT sogar überhaupt nicht zu finden. Dies kann bedeuten, dass das Nervenbündel entweder vollständig fehlt oder so verkümmert ist, dass es sogar mit diesem fortschrittlichsten aller bildgebenden Verfahren nicht erkennbar ist.
“Diese Anomalie legt nahe, dass ein fehlendes musikalisches Gehör ein bislang unbemerktes neurologisches Syndrom darstellt, ähnlich anderen Sprech- und Sprachstörungen”, sagte Loui. Die gleiche Arbeitsgruppe hatte in früheren Untersuchungen bereits gezeigt, dass unmusikalische Menschen ihren eigenen Gesang nicht bewusst wahrnehmen.
Nach Schätzungen von Experten sind mindestens zehn Prozent der Bevölkerung unmusikalisch, jedoch gilt diese “Anomalie” bislang nicht als Krankheit. Und warum sollte sie auch? Leiden müssen schließlich nur diejenigen, die sich die Gesänge unmusikalischer Menschen anhören müssen!
Quelle:
- Loui P, Alsop D, Schlaug G. Tone Deafness: A New Disconnection Syndrome? Journal of Neuroscience, August 19, 2009. 29(33):10215-10220
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Die hemmungslose Gesellschaft
Geschrieben am 5. August 2009 Keine KommentareVorbemerkung: Welche Art von Besuchern wird das Wörtchen “Sex” wohl auf meine Webseite ziehen?, habe ich mich gefragt und möchte deshalb von vorne herein feststellen, dass der nachfolgende Beitrag weder für geile Böcke bestimmt ist, noch für moralinsaure Moralapostel. Statt dessen geht es mir darum, auf eine – wie ich finde – ziemlich beunruhigende Entwicklung hinzuweisen, die oft als “sexuelle Verwahrlosung” oder “Pornographisierung der Gesellschaft” beschrieben wird, und auf die ich erstmals durch meine Kollegin Jutta Bissinger aufmerksam wurde. Jutta, soviel Werbung erlaube ich mir hier, ist nicht nur sozial engagiert, sondern kann auch richtig gut schreiben. Zum Beweis und zur Einstimmung auf das Thema, lesen Sie doch einfach ihren Artikel “Was frau beim Protest gegen Sexwerbung alles erleben kann“, aber vergessen Sie bitte nicht, danach auf diese Seite zurück zu kehren.
Sie sind noch dabei? Oder wieder da? Dann lesen sie weiter und staunen Sie über den “Wunsch nach dem perfekten Genital”. Das Stück stammt vom Nachrichtendienst “amPuls-online“, bei dem ich mich hiermit für die Genehmigung zur Wiedergabe bedanken möchte.
Besserer Sex durch Vaginal-Verjüngung?
Der Schönheitswahn ist im Genitalbereich angekommen. Bis zur Vergrößerung des G-Punktes ist alles dabei. Die Risiken solcher Eingriffe werden gerne übersehen.
Vergrößerung des G-Punktes, Verkleinerung der inneren Schamlippen, Wiederherstellung des Jungfernhäutchens – der Drang nach dem perfekten Körper betrifft schon lange nicht mehr nur gestraffte Augenlider und größere Brüste. Immer mehr Frauen unterziehen sich einer Genitaloperation aus rein kosmetischen Gründen. Bei solchen Operationen handelt es sich beispielsweise um die Verkleinerung der inneren und Vergrößerung der äußeren Schamlippen, Fettabsaugen am Schamhügel, Vaginalverengung oder aber um die Vergrößerung des G-Punktes durch Kollagen-, Hyaluronsäure- oder Eigenfettinjektionen in diesem Bereich.
An der Frauenklinik des Universitätsklinikums Freiburg werden solche Eingriffe allerdings nur dann vorgenommen, wenn dies medizinisch notwenig ist. So können deutlich vergrößerte „kleine“ Schamlippen beim Geschlechtsverkehr aber auch beim Sport als störend empfunden werden. „Kosmetische Eingriffe oder Operationen zur Steigerung des Lustempfindens im Genitalbereich führen wir nicht durch“, bekräftigt Professor Gerald Gitsch, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Freiburg.
Abgesehen davon, dass solche „Verschönerungen“ ethisch stark fragwürdig sind, kommen auch noch rein medizinische Bedenken hinzu: Bei all diesen kosmetischen Operationen am weiblichen Genitale fehlen Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten. Wer also ernsthaft meint, durch eine Vaginal-Verjüngung seine Ehe retten zu können, sollte sich über die Risiken solcher Operationen bewusst sein.
„Zu den Komplikationen solcher Eingriffe zählen Wundheilungsstörungen und Entzündungen, Narbenbildungen, Sensibilitätsstörungen mit herabgesetzter sexueller Empfindlichkeit bis hin zu deutlichen Funktionsbeeinträchtigungen des Genitale“, warnt Professor Gitsch. „Durch die Narbenbildung kann es zu Schmerzen beim Gehen, Sitzen und beim Geschlechtsverkehr kommen.“ Daneben weist die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe darauf hin, dass es bislang keine wissenschaftlichen Daten gibt, die nachweisen, dass diese Eingriffe zu einer anhaltenden psychischen Verbesserung führen würden (Stellungsnahme im pdf-Format hier).
Experten sehen den Grund für die steigende Zahl von kosmetischen Genitaloperationen unter anderem in der Modeerscheinung der Intimrasur. Durch sie fallen unregelmäßige, zu kleine oder zu große Schamlippen mehr auf und werden von den Frauen oft als unästhetisch empfunden. Aber nicht immer steckt ein Modetrend hinter dem Wunsch einer Genitaloperation. „Gelegentlich können sich eine Depression oder Paarprobleme hinter dem Operationswunsch verbergen“, weiß Professor Gitsch. „Gerade in der Pubertät kann der Operationswunsch auch Ausdruck einer Körperbildstörung sein.“
Welcher Grund auch immer hinter dem Wunsch nach einer Genitaloperation steckt, Frau sollte dabei immer bedenken, dass die Folgen einer solchen Operation das Sexualleben und die Lebensqualität noch Jahre danach beeinflussen können – und zwar negativ.
… soweit also der Beitrag aus “amPuls-online”
Vielleicht fragen Sie sich jetzt aber, was denn der “Schönheitswahn im Genitalbereich” mit sexueller Verwahrlosung zu tun hat, oder gar mit Pornographie? Nun, wenn Professor Gerald Gitsch, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Freiburg und quasi “Kronzeuge” in dem obigen Artikel vermutet, dass die steigende Zahl von kosmetischen Genitaloperationen von der Modeerscheinung der Intimrasur herrühren könne und wenn er beobachtet hat, dass “gerade in der Pubertät der Operationswunsch auch Ausdruck einer Körperbildstörung sein kann“, so ist damit die Frage nach den Ursachen nicht wirklich beantwortet. Nun läßt sich trefflich diskuttieren über das Frauenbild in unserer Gesellschaft (gerne auch über das Männerbild), über die Rolle der Medien oder der Erziehung, von “Vorbildern” wie Bushido und tausend Dinge mehr. Nein, eine einfache Antwort weiß ich auch nicht und ich möchte mich auch nicht Aufschwingen zum Richter darüber, wieviel oder welche Art von Sex “normal”, “gesund” oder auch nur “unbedenklich” ist. Freuen würde ich mich allerdings, wenn ich Sie durch meine Hinweise zum Nachdenken anrege. Ihre Gedanken können Sie gerne in den Kommentaren hinterlassen; als weitere Diskussionsgrundlage empfehle ich Ihnen noch die folgenden beiden Artikel zum Thema “Sexuelle Verwahrlosung”:
- “Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist”, von Walter Wüllenweber bei Stern.de
- “Die allerletzte Station” von Barbara Supp über die steigende Zahl jugendlicher Sexualtäter und mögliche Ursachen auf Spiegel Wissen
- Das Erste brachte kürzlich zu nachtschlafender Zeit die Reportage “Letzter Halt Sex” über Kids am Abgrund, deren Leidenschaft “Rappen und Sex” sein soll. Einen Termin zur Wiederholung habe ich keinen gefunden und erst recht keinen Download in der mit unseren Zwangsgebühren finanzierten Mediathek. So bleibt lediglich der Auszug aus der Programmvorschau: “Cheeks träumt davon, es mal mit drei oder vier Mädchen gleichzeitig zu machen, Jenny taumelt von einem One-Night-Stand zum nächsten, von einer Schwangerschaft in die nächste. Cheyenne hat jahrelange, brutale Vergewaltigungen durch ihren Vater zu verarbeiten und gerät mit 14 prompt wieder an einen, der sie betäubt und an seine Freunde verhökert. Yasmina hat ihre Jungfräulichkeit im Internet versteigert.”
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Schizophrenie: Tausende von “Risikogenen”
Geschrieben am 2. Juli 2009 Keine KommentareIn drei Studien mit zusammen mehr als 27000 Teilnehmern haben Wissenschafter etwa 30000 Erbgutvarianten gefunden, die bei Menschen mit Schizophrenie häufiger vorkommen als bei Gesunden. Ein ähnliches Gen-Muster fanden die Forscher bei manisch-depressiven Menschen. Experten wie Thomas Insel vom US-Nationalen Institut für Geistige Gesundheit deuten die in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichten Entdeckungen auch als Hinweis darauf, dass beiden Erkrankungen möglicherweise ähnliche Störungen bei der Entwicklung des Gehirns voran gehen.
Von der Schizophrenie sind weltweit bis zu einem Prozent aller Erwachsenen betroffen; die Krankheit bricht meist im späten Jugendalter aus, wenn sich Symptome wie Wahnvorstellungen, Angstzustände und Depressionen bemerkbar machen. Die genauen Ursachen sind noch unklar. Allerdings weiß man, dass bis zu 90 Prozent aller Erkrankungen erblicher Natur sind. Die Suche nach “Risikogenen” für die Schizophrenie wurde deshalb mit großem Aufwand betrieben, sie war aber bisher nur wenig erfolgreich. So fand man zwar im vorigen Jahr mehrere Erbgutvarianten, die bei Betroffenen häufiger vorkamen, als bei Gesunden. Allerdings waren diese Genvarianten längst nicht bei allen Schizophrenen zu finden, sie konnten demnach nur einen kleinen Teil aller Erkrankungen erklären.
Die Vielzahl der in den neuen Studien entdeckten Genvarianten dagegen soll “ein Drittel oder möglicherweise sehr viel mehr” des Krankheitsrisikos erklären, meint einer der Arbeitsgruppenleiter, Shaun Purcell von der Universität Harvard. Übereinstimmend haben alle drei Forscherteams Hinweise darauf gefunden, dass eine besonders wichtige Gruppe von Genen auf dem Chromosom Nr. 6 zu finden ist, und zwar in der Nähe des sogenannten Haupthistokompatibilitäskomplex (kurz MHC nach dem englishen Major Histocomptatibility Complex). Diese Gengruppe spielt eine wichtige Rolle bei der Erkennung und Abwehr körperfremder Substanzen und sie beeinflußt wie ein Hauptschalter zahlreiche weitere Erbfaktoren. Für eine Beteiligung des MHC am Schizophrenierisiko spricht auch die Beobachtung, dass Kinder häufiger erkranken, wenn die Mutter während der Schwangerschaft eine Infektion mit Grippeviren erleidet. Weitere Erbfaktoren, die bei der Entstehung der Schizophrenie eine Rolle spielen könnten, sind der Untersuchung zufolge das Gen für Neurogranin auf Chromosom 11 und der Transkriptionsfaktor TCF4 auf Chromosom 18. Beide Gene sind in Stoffwechselwege eingebunden, die eine Rolle bei der Gehirnentwicklung, dem Gedächtnis und der Denkleistung spielen. Auch dies passt ins Bild, denn Störungen des Gedächtnisses und der Kognition sind, neben Wahn und Halluzination, die wesentlichen Krankheitszeichen der Schizophrenie.
An einer der drei Studien waren auch drei deutsche Arbeitsgruppen beteiligt, die sich bereits im Nationalen Genomforschungsnetz zusammengeschlossen hatten, um die genetischen Grundlagen der Schizophrenie aufzuklären: Arbeitsgruppen am Institut für Humangenetik der Universität Bonn (Arbeitsgruppenleitung: Professor Markus Nöthen und Privat-Dozent Sven Cichon), an der Psychiatrischen Universitätsklinik der LMU München (Arbeitsgruppenleitung: Professor Dan Rujescu) sowie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, Mannheim (Abteilungsleitung: Professor Marcella Rietschel). Diese drei Zentren waren schon im vorigen Jahr an der Entdeckung neuer, seltener genetischer Variationen, die zur Schizophrenie beitragen maßgeblich beteiligt und – wie Rujescu sagt “ist es uns wiederum gelungen, weitere neue, häufig vorkommende genetische Risikofaktoren zu finden”.
“Endlich kommen wir dem Ziel näher, bestehende Hypothesen zur Schizophrenie mit molekulargenetischen Methoden wissenschaftlich belegen zu können”, beschreibt Nöthen das Besondere dieser weltweiten genetischen Studie. Unmittelbare Auswirkungen auf die Behandlung und Diagnose der Schizophrenie werden die neuen Erkenntnisse wohl nicht haben. Auf dem Weg zu einem besseren Verständnis dieser komplexen Krankheit bedeuten die drei neuen Studien indes einen bemerkenswerten Fortschritt.
Quellen (mit Entschuldigung an die Experten für fehlende Links, da noch nicht in Pubmed gelistet)
- Jianxin S, et al. Common variants on chromosome 6p22.1 are associated with schizophrenia. July 1, 2009, Nature
- Stefansson H, et al. Common variants conferring risk of schizophrenia. July 1, 2009, Nature
- Purcell SM, et al. Common polygenic variation contributes to risk of schizophrenia and bipolar disorder. July 1, 2009, Nature
- Pressemitteilung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit via idw
Tipp:
- Wer´s etwas ausführlicher mag, dem sei der schöne Artikel meines Kollegen Hartmut Wewetzer im Tagesspiegel empfohlen
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Interview: Gewalt durch neue Medien?
Geschrieben am 25. März 2009 Keine KommentareF: Herr Professor Beutel: Wenn Journalisten über Gewaltverbrechen berichten – erhöht sich dadurch die Gefahr für weitere Amokläufe? Immerhin haben “Trittbrettfahrer” in einem halben Dutzend Städten nach dem Amoklauf von Winnenden mit ähnlichen Taten gedroht.
A: Das kommt auf die Art der Berichterstattung an, aber auch auf das Medium. Jugendliche werden heute sehr stark von Bildern, Filmen und Videos geprägt. Diese Art der Berichterstattung regt vielleicht mehr zum Mit- und Nachmachen an, während Printmedien eher die Reflektion fördern.
F: Nach dem Amoklauf von Winnenden wird wieder einmal über einen möglichen Zusammenhang zwischen Computerspielen – speziell den “Ego-Shootern” und Ausbrüchen von Gewalt diskutiert. Gibt es denn harte wissenschaftliche Beweise für solch einen Zusammenhang oder muss die Spieleindustrie als Sündenbock für eine gesellschaftliche Fehlentwicklung herhalten?
Nicht alle Medien sind gleich gefährlich, sagt Prof. Manfred Beutel
A: Aus der Medienforschung wissen wir, dass das Anschauen gewalttätiger Bilder unmittelbar zu aggresivem Verhalten und teilweise auch furchtsamen Verhalten führt. Das gilt auch für Spiele und das kann man messen. Freiwillige Versuchspersonen zeigen unmittelbar nach solchen Spielen eine erhöhte Erregung, mehr gewalttätige Gefühle und eine erhöhte Neigung zu gewalttätigen Handlungen. Besonders ausgeprägt sind diese Veränderungen, wenn in dem Spiel gewalttätiges Verhalten belohnt wird.
F: Eine kurzfristige Erregung, könnte man argumentieren…
A: Es gibt auch erste Hinweise, dass die Einstellungen der Spieler sich langfristig verändern – allerdings sind die Daten hier weniger aussagekräftig, weil bisher kaum Studien vorliegen, die über mehrere Jahre hinweg das Verhalten beobachtet haben.
F: In Diskussionen behaupten leidenschaftliche Spieler gerne, dass diese Effekte nur einige “Verrückte” betreffen, dass die große Mehrheit friedlich ihrem Hobby nachgeht und sehr wohl zwischen Realität und Simulation unterscheiden kann.
A: Hier kommen in der Tat viele Faktoren zusammen, die nur schwer voneinander zu trennen sind. Die Persönlichkeit des Spielers spielt ebenso eine Rolle wie soziale Einflüsse – also Eltern und Erziehung, Schule und Freundeskreis. Es gibt Gruppen, die ein erhöhtes Risiko haben, gewalttätig zu werden: Menschen mit einem aggressiven Temperament und solche die weitgehend gefühllos sind, die wenig Einfühlungsvermögen für Andere haben und denen es an klaren und stabilen Moralvorstellungen fehlt, etwa weil Gewalt in der Familie zum Alltag gehört. Diese Gruppen bevorzugen denn auch eindeutig gewalttätige Spiele und Filme.
F: Was ist mit Filmen wie dem Tatort, der uns gebührenfinanziert jeden Sonntag die Leichen frei Haus liefert?
A: Im Gegensatz zum Tatort zeichnen sich Video- und Computerspiele mit ihren modernen Technologien dadurch aus, dass man in diese Kunstwelten eintaucht und mitmacht. Dadurch werden unbewusste Lernvorgänge ausgelöst, was unter anderem dazu führt, dass sich das Koordinationsvermögen und die Konzentrationsfähigkeit der Spieler verbessert. Vorstellungskraft und kritisches Denken werden aber geschwächt und das sind leider Eigenschaften, die man braucht, um Gewalt zu vermeiden oder ihr aus dem Weg zu gehen. Solche Effekte wurden noch nicht ausreichend erforscht und deshalb wissen wir letztlich nicht, welchen Auswirkungen die neuen Medien auf die Reifung, das Sozialverhalten und die persönliche Entwicklung der Jugendlichen haben.
Prof. Martin E. Beutel ist Direktor der Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz.
Das Interview wurde geführt am 19. März 2009 am Rande der gemeinsamen Jahrestagung des Deutschen Kollegium für Psychosomatische Medizin (DKPM) und der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie (DGPM) in Mainz



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