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Krebsforschung – Verunsicherung durch falsche Zellen
Geschrieben am 15. Januar 2010 Keine KommentareDutzende von Forschungsarbeiten zum Speiseröhrenkrebs haben womöglich falsche Ergebnisse erbracht, weil die dabei benutzten Zelllinien tatsächlich von Tumoren der Lunge, des Darms und des Magens abstammen. Dass die angeblichen Speiseröhren-Zellen verunreinigt sind, hat ein internationales Team von Wissenschaftlern mit einer Methode bewiesen, die auch bei der Verbrecherjagd immer häufiger zu Einsatz kommt: Dem so genannten STR-Fingerprinting.
Wie die Forscher im Journal of the National Cancer Institute berichten, hatten sie Labors aus aller Welt gebeten, Zelllinien einzusenden, die ursprünglich einmal aus den Zellen bestimmter Tumoren (Adenokarzinome) der Speiseröhre gezüchtet worden waren. Diese Tumoren hatte man bei der Operation einzelner Patienten entfernt. Als die Wissenschaftler um Jurjen J. Boonstra vom Medizinischen Zentrum der Universität Rotterdam jedoch die Abstammung von 13 solcher Zelllinien überprüften, fanden sie drei “Ausreißer”, die offensichtlich verunreinigt waren. Statt Zellen der Speiseröhre fanden sie im Fingerprinting-Test charakteristische Merkmale für Zellen aus Lunge, Magen und Darm. Experimente mit den drei offensichtlich verunreinigten Zelllinien SEG-1, BIC-1 und SK-GT-5 aber hätten in den USA zu elf Patenten geführt, zu mehr als 100 Fachpublikationen sowie zu klinischen Studien mit Patienten, die an Speiseröhrenkrebs leiden.”Die weitverbreitete Nutzung dieser Zelllinien könnte die Entwicklung neuer Therapien gefährden”, befürchten nun die Forscher.
Dabei sind verunreinigte oder falsch gekennzeichnete Zelllinien kein neues Problem, weiß Professor Hans G. Drexler, der als Abteilungsleiter an der Deutschen Sammlung von Mikroorganismen und Zellkulturen (DSZM) zuständig ist für menschliche und tierische Zelllinien. Manchmal stecken in der ursprünglich entnommen Probe eines Tumors zusätzlich Krebszellen aus einem anderen Organ. Wenn diese schneller wachsen als die eigentlich gewünschten Zellen wird der Anteil der Fremdlinge im Laufe der Zeit immer größer und die ursprünglichen Eigenschaften der Zelllinie gehen verloren. Solch eine “feindliche Übernahme” droht auch bei handwerklichen Fehlern im Labor. Am häufigsten aber, schätzt Drexler, sind ganz einfache Verwechslungen. “Man beschriftet gerade 96 Röhrchen, wird dabei abgelenkt – und schon steht ein A, wo eigentlich B stehen sollte”, so der gegenwärtige Interimsdirektor des DSZM. Bereits vor elf Jahren hat Drexler eine Studie vorgelegt, bei der er unter 252 menschlichen Zelllinien 45 fand, die nicht das waren, was sie schienen. Das entspricht einem Anteil von 18 Prozent, also fast einem Fünftel.
Am DSZM arbeitet man schon lange mit der Fingerprinting-Technik, um die Identität der dort angebotenen Zelllinien zu überprüfen. Tatsächlich befindet sich im Katalog der DSZM keine der von Boonstra enttarnten “falschen” Zelllinien – eine Absicherung, von der jeder Wissenschaftler für 270 Euro profitieren kann. “Wir hätten das gemerkt”, behauptet Drexler selbstbewusst und verweist auf die Kooperation mit US-amerikanischen und japanischen Zellbanken, die allen Beteiligten Zugriff auf eine gewaltige Datenbank mit den typischen Kennzeichen der verschiedenen Zelllinien erlaubt. “Es gibt aber immer wieder Schlaumeier, die sich das Geld sparen wollen und Zellen fragwürdiger Qualität aus dem Kühlschrank eines befreundeten Labors benutzen”, so Drexler. “Bei einer Fehlerquote von 18 Prozent ist dies ein ziemlich großes Risiko – nicht nur für jemanden, der gerade eine Doktorarbeit schreibt.”
Quellen:
- Boonstra JJ, van Marion R, Beer DG, et al. Verification and unmasking of widely used human esophageal adenocarcinoma cell lines. J Natl Cancer Inst (2010) 102(4)
- McLeod RA et al. Widespread intraspecies cross-contamination of human tumor cell lines arising at source. Int J. Cancer. 1999 Nov 12;83(4):555-63
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Palliativmedizin wird Pflichtfach
Geschrieben am 11. August 2009 Keine KommentareAngehende Ärzte müssen künftig nachweisen, dass sie während ihrer Ausbildung auch gelernt haben, wie man schwerstkranke und sterbende Menschen versorgt. Die neue Regelung, die von Bundestag und Bundestag noch in den letzten Sitzungen vor der Sommerpause beschlossen wurde, sei jetzt in Kraft getreten, teilte der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband e.V. (DHPV) mit. Der DHPV hatte sich im Vorfeld für das neue Gesetz stark gemacht und erläuterte in einer Pressemitteilung die Folgen für Medizinstudenten. Diese müssen nunmehr zu Beginn des praktischen Jahres im August 2013 oder bei der Meldung zum zweiten Abschnitt der Ärztlichen Prüfung ab Oktober 2014 einen Leistungsnachweis in der Palliativmedizin vorlegen.
“Damit wir ein weiterer Grundstein für eine umfassende und kompetente medizinische Versorgung schwerstkranker und sterbender Menschen gelegt”, sagte die Vorsitzende des DHPV Dr. Birgit Weihrauch. “Kenntnisse in der Palliativmedizin sind für alle Ärztinen und Ärzte von größter Wichtigkeit, denn die Versorgung Schwerstkranker und Sterbender gehört mit zu den Hauptaufgaben der ärztlichen Tätigkeit”, so Weihrauch weiter.
Lehrstühle für Palliativmedizin gibt es bereits in Aachen, Bonn, Göttingen, Köln und München – weitere sollen geschaffen werden.
Tipp:
- Bei Amazon gibt es zahlreiche Bücher zum Thema Sterbebegleitung, Palliativmedizin und vor allem Trauerbewältigung. Lesen Sie vor dem Kauf die Beurteilungen anderer Leser und geben sie bei der Suche auch das Stichwort “palliativ” ein. Die folgenden Titel wurden auch von Experten als besonders lesenswert beurteilt: “Ich will Dich nicht vergessen“, “Meine Trauer wird Dich finden“, der schmale Band “Trauer hat heilende Kraft” sowie die Kinderbücher “Tschüss Oma” und “Sarahs Mama – Wenn die Mutter stirbt” und schließlich das eher fachlich orientierte “Trauer-Gesichter“.
- Neben dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband e.V. widmet sich auch die Deutsche Gesellschaft für Paliativmedizin der Behandlung und Begleitung von Patienten mit unheilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankungen mit begrenzter Lebenserwartung.
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Länger leben mit Mantelzell-Lymphom
Geschrieben am 12. Februar 2009 2 KommentareDie Überlebenszeit von Patienten, die an einem Mantelzell-Lymphom erkranken, hat sich in den vergangenen 30 Jahren annähernd verdoppelt. Dies ist das Ergebnis einer Auswertung von vier Studien deutscher Ärzte und Wissenschaftler, über die die Fachzeitschrift “Journal of Clinical Oncology” berichtet. Das Mantelzell-Lymphom (MZL) gehört zu einer Gruppe miteinander verwandter, bösartiger Tumore (Non-Hodgkin-Lymphome), die sich aus einer besonderen Art von weißen Blutkörperchen entwickeln und die sich über den ganzen Körper verbreiten. Jährlich erkranken in Deutschland mehrere Hundert Menschen am MZL, etwa drei Viertel davon sind Männer.
Im Mittel sind die Patienten bei Ausbruch der Krankheit zwischen 65 und 70 Jahre alt. Weil das MZL in der Regel rasch voran schreitet, wird es häufig erst in einem fortgeschrittenen Stadium festgestellt. Durch eine Behandlung lässt es sich dann zwar meist zurückdrängen, bisher aber nicht dauerhaft heilen.Die Situation der Betroffenen hat sich jedoch in den vergangen 30 Jahren erheblich gebessert, wie der Vergleich der Krankenakten von mehreren hundert Patienten belegt, die in den Zeiträumen von 1975 bis 1986 sowie von 1996 bis 2004 an deutschen Kliniken behandelt wurden. Fast die Hälfte der Patienten (47 Prozent), die um die Jahrtausendwende an zwei großen Studien teilgenommen hatten, waren fünf Jahre nach der Diagnose noch am Leben. Dagegen hatten unter den Patienten, die zwanzig Jahre zuvor behandelt worden waren, nur 22 Prozent die Krankheit um mindestens fünf Jahre überlebt.
Für diese gute Nachricht gibt es viele mögliche Erklärungen: So ist man bei der Chemotherapie, die beim MZL routinemäßig zum Einsatz kommt, im Laufe der Jahre dazu übergegangen, zusätzlich bestimmte Wirkstoffe aus der Gruppe der Anthrazykline zu verabreichen. Neu hinzugekommen ist auch der Antikörper Rituximab, den heutzutage die meisten Patienten mit MZL bekommen, sowie in manchen Fällen auch eine Stammzelltransplantation. Mit den neuen Möglichkeiten behandeln Ärzte das MZL heute also früher, aggressiver und energischer als in den 1970er Jahren und dieser Unterschied könnte durchaus zur verlängerten Lebenserwartung der Patienten beitragen.
Generell hat sich die medizinische Versorgung von Krebspatienten in den vergangenen 30 Jahren verbessert, geben die Wissenschaftler in ihrer Veröffentlichung zu bedenken. Es gibt weniger Infektionen und dank neuer Medikamente werden die Nebenwirkungen der Chemotherapie besser vertragen. Dies erlaube es einem größeren Anteil der Patienten, die Behandlung wie geplant abzuschließen und das MZL könne so womöglich länger in Schach gehalten werden. Außer bei der Therapie gebe es auch Fortschritte bei den Techniken und Geräten, die es erlauben, das Stadium und den Verlauf der Krankheit genauer zu bestimmen.
Bedacht werden muss aber auch, dass sich die Lebenserwartung der Deutschen im Verlauf der letzten Jahrzehnte deutlich verlängert hat. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wuchs sie während des Beobachtungszeitraumes für 65-jährige Männer um 2,7 Jahre und für Frauen um 3,0 Jahre. In der Studie aber hatte die durchschnittliche Überlebenszeit in ganz ähnlicher Weise zugenommen, nämlich von 2,7 auf 4,8 Jahre. Hat die beobachtete Verbesserung für Patienten mit MZL demnach gar nichts mit den neuen Therapien zu tun?
Diese Erklärung halten die Wissenschaftler für unwahrscheinlich. Bei anderen aggressiven Erkrankungen mit schlechter Prognose wie dem Lungenkrebs habe es nämlich im Gegensatz zum MZL in den vergangenen Jahrzehnten keine Verbesserung der Überlebensdauer gegeben. “Die Verdoppelung der 5-Jahres-Überlebensraten bildet deshalb wahrscheinlich die bedeutende Verbesserung der Behandlung in den letzten 30 Jahren ab”, schreiben die Krebsforscher in ihrer Veröffentlichung.
Dem stimmen auch einige der weltweit angesehensten Experten zum MZL zu. Im gleichen Heft des Journal of Clinical Oncology kommentieren Peter Martin, Morton Coleman und John P. Leonard die Arbeit ihrer deutschen Kollegen und vermuten, dass die größten Fortschritte beim MZL durch jene neuen Therapien und Wirkstoffe erklärt werden können, die zum Einsatz kommen, wenn die Standardbehandlung nicht mehr anschlägt. Die sei eine “ermutigende Hypothese”, denn sie lege nahe, dass sich die Möglichkeiten verbessern, die Krankheit über längere Zeit zu kontrollieren – und zwar auch nach einem Rückfall.
Sowohl die US-amerikanischen Kommentatoren als auch das 17-köpfige deutsche Team weisen dennoch darauf hin, dass Vorsicht geboten ist, wenn Patienten-Daten miteinander verglichen werden, die zu unterschiedlichen Zeiten in der Vergangenheit gewonnen wurden. In der Zwischenzeit hat sich nämlich nicht nur die Therapie selbst geändert. Mangels besseren Wissens tendierten die Ärzte in den 1970er Jahren noch dazu, das Mantelzell-Lymphom als langsam wachsend (indolent) einzuordnen und vor der Behandlung geraume Zeit zu beobachten. Erst in den 1980er Jahren änderte sich diese Einschätzung. Man ordnete das MZL nun den aggressiven Lymphomen zu und begann mit der Therapie möglichst unmittelbar nach der Diagnose. Dadurch wird dieser Krebs nun früher bekämpft, wodurch sich die Erfolgsaussichten verbessert haben.
Eine wichtige Frage, die in der deutschen Studie nicht gestellt wurde, betrifft die Lebensqualität der Patienten. Martin, Coleman und Leonard zweifeln nicht daran, dass es mit den neuen Möglichkeiten gelingen kann, das MZL länger in Schach zu halten. Aber sie fragen, ob dieser Zeitgewinn durch die Giftigkeit einer aggressiveren Therapie nicht wieder zunichte gemacht wird. Hier könne es keine allgemeingültige Antwort geben, sagen sie, und verweisen darauf, dass die Krankheit ja von Fall zu Fall sehr unterschiedlich verläuft, dass die Nebenwirkungen und Einschränkungen durch die Therapie verschieden gut verkraftet werden und dass dabei natürlich auch die Vorlieben der Patienten eine Rolle spielen.
Trotz aller Einschränkungen loben die Kommentatoren die Arbeit der deutschen Wissenschaftler: Die vorgelegten Daten “sind besonders wichtig, weil sie zeigen, dass die Forschungsanstrengungen sich lohnen und dass es Patienten mit einem Mantelzell-Lymphom Dank der neuen Ansätze besser gehen kann.”
Mit dem Erreichten werden sich die beteiligten Ärzte indes nicht zufrieden geben. In neuen Studien prüfen sie bereits wirkungsverstärkte Antikörper, welche die Krebszellen sehr gezielt bestrahlen sollen (Radioimmuntherapie) und auch eine neue Klasse von Wirkstoffen, die Proteasom-Inhibitoren, befindet sich mittlerweile gegen das Mantelzell-Lymphom auf dem Prüfstand.
Nachtrag vom 3. August 2009: Laut einer Pressemitteilung der Firma Wyeth wird es voraussichtlich bald ein neues Medikament zur Behandlung von Patienten mit Mantellzell-Lymphom geben. Lesen Sie dazu diese Kurzmeldung.
Quellen:
Weitere Informationen:- Der Krebsinformationsdienst über Aggressive Lymphome
- NHLinfo – ein Informationsportal für Patienten, bezahlt von der Firma ribosepharm
- Die Deutsche Studiengruppe Niedrigmaligne Lymphome (GLSG) entwickelt und bewertet neue Therapien gegen das Mantelzell-Lymphom.
- Das Europäische Mantelzell Lymphom Netzwerk ist ein Zusammenschluss von Ärzten, Pathologen und Forschern, der ebenfalls an Studien beteiligt ist und außerdem die molekularen Ursachen des Mantelzell-Lymphoms untersucht.



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