Artikel, Trends und Hintergründe aus Medizin & Pharma, Gentechnik & Hirnforschung
RSS Icon Email-Icon Home-Icon
  • Senkt Vitamin D das Parkinson-Risiko?

    Geschrieben am 16. Juli 2010 MSimm Keine Kommentare

    Das “Sonnen-Vitamin” D schützt womöglich vor der Parkinson-Krankheit, so das Ergebnis einer Studie, die finnische Wissenschaftler in der Fachzeitschrift Neurology veröffentlicht haben. Die Forscher um Paul Knekt vom Nationalen Institut für Gesundheit und Wohlfahrt hatten in den Jahren 1978 bis 1980 bei 3000 Freiwilligen Blutproben genommen und die Versuchsteilnehmer anschließend bis zu 30 Jahre lang beobachtet. Dabei stellte man fest, dass die Parkinson-Krankheit in der Gruppe mit den geringsten Vitamin D-Mengen im Blut etwa drei Mal häufiger häufiger aufgetreten war als bei der Gruppe mit den höchsten Vitamin D-Werten.

    Manche Experten spekulieren, dass Vitamin D jene Hirnzellen schützen könnte, deren Niedergang bei der Parkinson-Krankheit das Zittern und die Bewegungsstörungen der Patienten verursacht. Bewiesen ist dieser Zusammenhang allerdings keineswegs, und in einem Kommentar warnte  Marian Leslie Evatt von der Emory University auch vor voreiligen Schlüssen.  Sie bezweifele, ob sich die Befunde der finnischen Studie auch auf die Bevölkerung anderer Länder übertragen lassen, schrieb die Neurologieprofessorin.

    Im Gegensatz etwa zu Deutschland leiden in nördlichen Breiten viele Menschen an einer Unterversorgung mit Vitamin D. Und wenn man nun überall anfänge, etwa durch Vitaminpillen die Versorgung zu “verbessern”, könne dies auch negative Folgen haben. Zumindest aus Tierversuchen gäbe es nämlich auch klare Hinweise, dass eine Überversorgung mit Vitamin D schädlich sein kann, so Evatt.

    Den Großteil des Vitamin D stellt der menschliche Körper in der Haut her, wenn diese mit der Sonne ausreichend UV-Strahlen abbekommt. Weitere Quellen des Vitamins sind Fettfische wie Heringe und Sardinen, Lachse, Aale oder Karpfen; aber auch Milch und Getreideprodukte.

    Quellen:

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Warnung vor Stammzelltherapie mit adulten Zellen

    Geschrieben am 5. Oktober 2009 MSimm 1 Kommentar

    Wo verläuft die Grenze zwischen wissenschaftlich fundierten Heilversuchen und dem unseriösen, ja skrupellosen Geschäft mit der Hoffnung? Diese Frage ist im Gesundheitswesen mit seinem kaum durchschaubaren Geflecht an Interessensgruppen oft schwer zu beantworten. Sicher ist aber, dass diejenigen, die laut und meinungsstark für einen besseren Schutz verzweifelter Patienten plädieren, sich auf ein juristisches Minenfeld begeben. Gegendarstellungen, Abmahnungen samt “strafbewehrter Unterlassungserklärung” und Klage auf Schadensersatz bedeuten dann meistens auch: Es geht um viel Geld.

    Rudolf Jaenisch

    Politisch engagiert und "sehr besorgt": Rudolf Jaenisch, gewann den Schering-Preis 2009 (Copyright: Jaenisch)

    Zwischen 7545 Euro und 26000 Euro verlangt das XCell-Center von Patienten, die sich in Düsseldorf oder Köln Stammzellen aus dem Knochenmark entnehmen und diese nach einigen Tagen wieder in den Körper spritzen lassen. Mehr als 1600 Kranke hätten von diesem Angebot bereits Gebrauch gemacht, meldet das private Institut auf seiner Webseite. Unter den behandelten Krankheiten listet man dort die Amyothrophe Lateralskelerose (ALS), Alzheimer, Arthrose und Diabetes, Erektionsstörungen, die frühkindliche Zerebralparese, Arteriosklerose (“Arterienverkal-kung”), die Makuladegeneration als häufigste Ursache der Blindheit, die Multiple Sklerose, die Parkinson-Krankheit, den Schlaganfall und schließlich Verletzungen des Rückenmarks bis hin zur kompletten Querschnittslähmung. Viele dieser Krankheiten gelten als unheilbar, bei manchen kann man auch mit Medikamenten nur wenig ausrichten.

    Die gesetzlichen Krankenkassen – per Gesetz verpflichtet, nur das zu zahlen, was “ausreichend, zweckmäßig und wirtschaftlich” ist – erstatten die Kosten der Eingriffe beim XCell-Center nicht. Patienten, die willens und in der Lage sind, die Behandlung aus eigener Tasche zu bezahlen, gibt es dennoch genug. Sie werden im In- und Ausland mit Anzeigen geworben – etwa bei Google, wo von “ersten Erfolgen bei der innovativen Stammzelltherapie in Deutschland” zu lesen ist. Telefonische Ansprechpartner gibt es nicht nur für Deutschland, Österreich und Schweiz, sondern neben vielen anderen Ländern auch für die USA und Kanada, Australien und Neuseeland, Italien, Frankreich, Großbritannien und die Niederlande, für “russisch sprechende Personen” und für den Nahen Osten.

    “Versprechungen ohne Basis

    Seit Januar 2007 läuft das Geschäft, doch nun wollen Neurologen wie Grundlagenforscher dem offenbar nicht länger zusehen. “Diese Versuche entbehren jeglicher wissenschaftlicher Grundlage und ich bin sehr besorgt, dass hier zum Teil Versprechungen gemacht werden, die überhaupt keine Basis haben und die verzweifelte Patienten dazu bringen, 20000 Euro auszugeben”, sagte Rudolf Jaenisch, einer der Pioniere der Stammzellforschung, als er kürzlich in Berlin den Ernst Schering Preis entgegen nahm. Es sei “erstaunlich dass solche so genannten Kliniken so etwas überhaupt anbieten dürfen”, kritisierte der deutschstämmige Wissenschaftler, der 1984 das renommierte Whitehead Institute of Biomedical Research mitbegründet hat und der als Professor am Massachusetts Institute of Technology eine große Forschergruppe leitet. Als hätte man Jaenischs Worte unterstreichen wollen, lobte man den “Vater” der ersten gentechnisch veränderten Maus bei der Preisvergabe auch noch für seine “besonnene und ethisch-verantwortungsvolle Beteiligung an der politischen Diskussion zur Forschung an menschlichen Stammzellen”.

    “Ich dachte, es hilft”

    Am gleichen Tag gingen auch die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) und die Deutsche Parkinson-Gesellschaft mit einer gemeinsamen Stellungsnahme erneut in die Offensive. “Der Behandlung von Parkinson-Patienten mit so genannten adulten Stammzellen fehlt nach dem aktuellen Kenntnisstand jeglicher Nutzen”, sagte DGN-Vorstandsmitglied Wolfgang Oertel bei einer Pressekonferenz in Nürnberg. Als “Kronzeugin” präsentierte Oertel die Patientin Petra Aschenbeck, die sich am XCell-Center gegen ihre Parkinson-Krankheit hatte behandeln lassen. “Ich dachte es hilft, aber nach fünf Wochen ging es mir schlechter als zuvor”, so die frühere Standesbeamtin. Ohne Rücksprache mit ihrem Neurologen hatte sie sich zunächst Knochenmark aus dem Hüftknochen entnehmen lassen, die darin enthaltenen Stammzellen seien ihr dann wieder infundiert worden. “Anderen würde ich das nicht empfehlen”, sagte Aschenbeck und will die 7500 Euro nun gerichtlich wieder einklagen, die ihre Eltern für die Behandlung vorab bezahlt hatten. Oertel sind mindestens 15 ähnliche Fälle bekannt, “darunter einige, die gar nicht an Parkinson litten”. Die Krankengeschichten all dieser Patienten sollen nun dokumentiert und in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht werden, kündigte Oertel an.

    Auch bei XCell ist man indes nicht untätig. Schon wenige Tage nach den geballten Vorwürfen, ohne wissenschaftliche Grundlage zu arbeiten, erschienen auf der Webseite des Instituts mehrere Auswertungen, die den Erfolg der Behandlungen dokumentieren sollen. So seien bei der “statistischen Nachevaluierung” von 30 Patienten mit einer Cerebralparese bei fast 70 Prozent der mit adulten Stammzellen behandelten Patienten eine Verbesserung ihrer Symptome festgestellt worden. Und weiter: “Bei 40 % der behandelten Patienten wurde eine Besserung der Sprachfähigkeit beobachtet. Bei 20 % der Fälle wurde ein signifikanter Rückgang oder ein komplettes Fernbleiben epileptischer Anfälle beobachtet.” Ähnliche Stabdiagramme sollen die Ergebnisse einer Studie mit 19 Patienten mit Multipler Sklerose dokumentieren. Anderswo berichtet man über eine “Studie mit 53 unserer Patienten mit amyotropher lateraler Sklerose”.

    Doch die vom XCell-Center gegen die ALS eingesetzten, unveränderten adulten Stammzellen halten die weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet für aussichtslos. So drehte sich zwar bei einem Symposium der Delambre Stiftung im kanadischen Quebec Ende September eine ganze Sitzung um Stammzellen – allerdings nur um solche, die aus Embryonen stammen oder die aus Patienten gewonnenen und anschließend mit Hilfe der Gentechnik “umprogrammierten” so genannten induzierten, pluripotenten Stammzellen (“Ipsen)”. Sie sollen für Tierversuche und für Medikamententests erprobt werden (englischsprachiger Bericht dazu bei Alzforum.org).

    Die weltweit erste Sicherheitsstudie, bei der ALS-Patienten im Labor veränderte Stammzellen erhalten sollen, hatte die US-Zulassungsbehörde FDA eine Woche zuvor genehmigt. Nun sollen zunächst 12 von 18 Freiwilligen unter der Leitung von Eva Feldmann an der Emory-Universität in Atlanta behandelt werden, sofern das dortige Ethik-Kommittee den Versuch genehmigt. Dann erst dürfen die Ärzte den Patienten die geplanten fünf bis zehn Injektionen mit aus dem Rückenmark gewonnenen und im Labor veränderten “neuralen Stammzellen” verabreichen. Die Probanden würden dann in regelmäßigen Abständen nach der Therapie untersucht und die Daten abschließend nach zwei Jahren beurteilt, kündigte der Hersteller der patentierten Zellen, die Firma Neuralstem an.

    In den USA braucht die Therapie eine Genehmigung, in Deutschland nicht

    Der Genehmigung durch die FDA waren mehrmonatige Prüfungen voran gegangen, bei denen die Zulassungsbehörde von Neuralstem auch Änderungen des Studienprotokolls verlangt hatte, um die Sicherheit des Experiments zu erhöhen. In Deutschland dagegen sind sich die Juristen noch uneins, ob die am XCell-Center angebotenen Therapien mit der jüngsten Änderung des Arzneimittelgesetzes am 23. Juli dieses Jahres genehmigungspflichtig wurden. Falls dem so wäre, könnte man sich in Düsseldorf immer noch auf eine Übergangsregelung berufen. Sie gilt EU-weit bis Ende 2012.

    Skeptisch macht, dass die hauseigenen “Studien” auf der Webseite des Unternehmens allesamt ohne Vergleichsgruppe sind. Ohne aber zu wissen, wie es vergleichbaren Patienten mit einer Scheinbehandlung (Placebo) ergangen wäre,  kann niemand sagen, wie wirksam die Stammzellkur gegenüber herkömmlichen Therapien tatsächlich ist. Die Berichte einzelner Patienten über eine Besserung ihrer Beschwerden könnten angesichts des schwankenden Verlaufs etwa der Multiplen Sklerose oder der Parkinson-Krankheit durchaus auf zufälligen Veränderungen beruhen.

    Parkinson-Experte Wolfgang Oertel (Foto: DGN)

    Parkinson-Experte Wolfgang Oertel (Foto: DGN)

    XCell-Beirat: Keine Publikationen zu Stammzellen

    Auffällig ist, dass keiner der XCell-Mitarbeiter sich bislang mit Publikationen über Stammzellen hervor getan hat. Denn wer unter Wissenschaftlern etwas gelten will, dokumentiert seine Leistungen am besten dadurch, dass er seinen Kollegen in anerkannten Fachzeitschriften die Ergebnisse seiner Arbeit zum nachlesen präsentiert. In diesem Fall fördert eine kurze Literatursuche bei Pubmed für den XCell-Kritiker Jaenisch 154 Publikationen über Stammzellen zutage. Dagegen findet sich für die drei laut X-Cell-Center “internationalen Experten” des eigenen wissenschaftlichen und medizinischen Beirats zu diesem Thema keine einzige Veröffentlichung. Wolfgang Oertel hat über 450 Originalpublikationen vorzuweisen – die meisten davon über die Parkinson-Krankheit – und auch hier geht der XCell-Beirat leer aus.

    Womöglich floriert das Unternehmen auch deshalb, weil die dort beworbenen “adulten”, also “erwachsenen” Stammzellen hierzulande von vielen Politikern als Königsweg aus einem ethischen Dilemma gesehen werden: Als James Thomson an der Universität von Wisconsin 1998 erstmals menschliche embryonale Stammzellen (ES) isoliert hatte,  glaubte die überwiegende Mehrzahl der Experten, das diese ES-Zellen die besten Kandidaten für eine Therapie am Menschen seien (siehe Hintergrund: Stammzellen – Hoffnungsträger mit Risiken). Diese Zellen hatte Thomson jedoch aus wenige Tage alten, „überzähligen“ menschlichen Embryonen gewonnen, die in amerikanischen Kliniken mit einer künstlichen Befruchtung gezeugt und dann nicht mehr benötigt wurden, weil sich der Wunsch der Eltern nach einem Kind bereits erfüllt hatte. Nun gilt Thomson zwar mittlerweile als Kandidat für den Nobelpreis, in Deutschland würde seine Art der “Fremdnutzung“ menschlicher Embryonen jedoch mit bis zu fünf Jahren Gefängnis bestraft.

    Kein Wunder, dass auch viele Forscher jubilierten, als in angesehenen Fachzeitschriften Berichte erschienen, die den Anschein erweckten, dass Stammzellen erwachsener Menschen – etwa aus dem Knochenmark – sich ebenfalls durch Zugabe bestimmter Proteine und Wachstumsfaktoren umformen und fast unbegrenzt vermehren ließen. Das Ethik-Problem schien gelöst, als auch noch erste Erfolgsberichte aus der klinischen Forschung kamen. “Man muss keine Embryonen töten, um kranken Menschen zu helfen”, folgerte etwa der CDU-Vize und frühere Forschungsminister Jürgen Rüttgers aus dem Schicksal eines einzigen Herzinfarktpatienten. Heute ist Rüttgers Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, eben jenes Bundeslandes, wo das XCell-Center seinen Sitz hat. Ende August gab das Ordnungsamt der Landeshauptstadt Düsseldorf dem XCell-Center die Erlaubnis zum Betrieb einer Privatkrankenanstalt nach § 30 der Gewerbeordnung. Seitdem darf man sich auch offiziell “Klinik” nennen.

    Doch die Berichte über die Wandlungsfähigkeit und die Heilkraft der adulten Stammzellen seien “nicht glaubwürdig” und “überholt”, ärgert sich Jaenisch. “Wenn man sich das genau anschaut, gibt es längst andere Interpretationen, die Daten sind einfach nicht überzeugend”. Adulte Stammzellen seien zwar “unglaublich wichtig”, es müsse aber vor deren Anwendung bei menschlichen Patienten noch sehr viel mehr gelernt werden. “Ich weiß, dass dies auch bei Herzerkrankungen hier in Deutschland in großem Stil gemacht wird – aber ich würde es bei mir nicht machen lassen”, urteilte Jaenisch in Berlin. In Nürnberg schlug Oertel in die gleiche Kerbe und appellierte an den Gesetzgeber, derartigen Behandlungsangeboten einen eindeutigen Riegel vorzuschieben.

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Gentherapie bei Parkinson-Krankheit erfolgreich

    Geschrieben am 1. November 2006 MSimm Keine Kommentare

    Die Injektion gentechnisch veränderter Viren in das Gehirn von Parkinsonkranken hat zu einer deutlichen Besserung des Leidens geführt, berichteten Wissenschaftler auf der Jahrestagung der US-amerikanischen Gesellschaft für Neurowissenschaften (Society for Neuroscience) in Atlanta.

    Auf einer Skala, die den Schweregrad der Bewegungsstörungen misst, verbesserten sich alle zwölf freiwilligen Teilnehmer der Studie binnen eines Jahres nach dem Eingriff um mindestens 25 Prozent. Bei vier Probanden besserten sich die Bewegungsstörungen um mindestens 37 Prozent und bei fünf der Patienten sogar zwischen 40 und 65 Prozent. Entsprechend sei auch die Lebensqualität aller Studienteilnehmer gestiegen, sagte Matthew During, Studienleiter und Mitbegründer der Firma Neurologix, die die Studie finanziert hat.

    Der Eingriff, bei dem ein haarfeiner Katheter tief in das Gehirn eingeführt wird, habe zu keinerlei Nebenwirkungen geführt und alle Patienten seien binnen zwei Tagen nach der Operation aus dem Krankenhaus entlassen worden, so During. Die Versuchsteilnehmer, deren Leiden zuvor als „mittelschwer” eingestuft worden war, waren alle seit mindestens fünf Jahren von der Parkinson-Krankheit betroffen gewesen. Das Standardmedikament L-Dopa war bei ihnen kaum noch wirksam gewesen oder es hatte zunehmend Nebenwirkungen hervorgerufen, als die Kranken einwilligten, an dem Experiment teilzunehmen.

    Dem Gentherapie-Experiment mit Parkinsonkranken, über das jetzt in Atlanta berichtet wurde, waren mehrjährige Versuche mit Ratten und Rhesusaffen vorangegangen. Gegen Ende des Jahres 2003 hatte es Michael Kaplitt vom Weill Cornell Medical College in New York dann gewagt, etwa 3,5 Milliarden gentechnisch veränderte Viren in das Gehirn des ersten Patienten zu spritzen.

    Die von Kaplitt genutzten, so genannten Adeno-assoziierten Viren (AAV) waren speziell für diese Aufgabe konstruiert worden. Sie tragen in ihrem Inneren die Erbinformation für ein Enzym, das an der Produktion des Botenstoffes GABA beteiligt ist. GABA wiederum wirkt wie ein Bremssignal auf Nervenzellen. AAV gelten als sicher, weil sie keine Krankheiten hervorrufen können. Sie werden deshalb zurzeit auch als Gentherapie-Vehikel für andere Hirnerkrankungen erprobt.

    Als Injektionsort wählten die Forscher den so genannten Nucleus subthalamicus, eine Ansammlung von Nervenzellenkernen tief im Inneren des Gehirns, die Bewegungsimpulse hemmt und deren Beschädigung das Zittern und die plötzlich einsetzende Steifheit bei der Parkinson-Krankheit auslöst. Ziel der Virusinjektion war es, an dieser kritischen Schaltstelle mehr des beruhigenden Botenstoffes GABA zu produzieren und damit die Überaktivität der Nervenzellen zu hemmen. Dies ist offenbar gelungen, wie Aufnahmen belegen, die den Stoffwechsel im Gehirn der Patienten sichtbar machen.

    Um die Wirksamkeit der Methode beurteilen zu können, waren die Viren jeweils nur auf einer Seite des Gehirns injiziert worden. Auf dieser Seite nahm die Überaktivität der Nervenzellen deutlich ab, während die unbehandelte Seite sich weiter verschlechterte. „Vor der Operation war ich ein zitternder Haufen Fleisch”, sagte der 58-jährige Nathan Klein, der als erster behandelt wurde, gegenüber dem Nachrichtendienst WebMD. „Jetzt fühle ich mich 80 bis 90 Prozent besser und ein Fremder würde nicht einmal merken, dass ich Parkinson habe.“

    Allerdings warnte Studienleiter During vor verfrühtem Jubel. Frühere Experimente haben nämlich gezeigt, dass bereits die Erwartungshaltung der Patienten zu einer Linderung des Leidens führen kann. Um ganz sicher zu sein, dass die gemessene Verbesserung der Bewegungsfähigkeit nicht auf solch einem „Placeboeffekt“ beruht, wolle man eine größere Studie durchführen, bei der einige der Patienten zwar operiert werden, aber zum Vergleich keine gentechnisch veränderten Viren erhalten.

    Sollten die in Atlanta vorgetragenen Ergebnisse sich in weiteren Studien bestätigen, wäre die Gentherapie ähnlich wirksam wie die Tiefe Hhirnstimulation. Bei dieser relativ neuen Methode für Patienten im fortgeschrittenen Stadium der Erkrankung werden haarfeine Elektroden zumeist in einem tief gelegenen Nervenknoten namens Nucleus subthalamicus (STN) implantiert. Eine Art „Hirnschrittmacher“ unter dem Schlüsselbein erzeugt dann winzige Stromstöße, um die überaktiven Nervenzellen zu dämpfen. Erst vor wenigen Wochen hatten Wissenschaftler um Professor Günther Deuschl von der Neurologischen Klinik der Universität Kiel dazu eine Studie im renommierten „New England Journal of Medicine“ veröffentlicht. Während eine Vergleichgruppe unbehandelter Patienten sich während eines halben Jahres leicht verschlechtert hatte, waren die Bewegungsstörungen der Patienten mit dem Hirnschrittmacher um durchschnittlich 40 Prozent verringert und ihre Lebensqualität war um 20 Prozent gestiegen. Dieser Fortschritt wurde jedoch mit relativ schweren Nebenwirkungen bei jedem achten Patienten erkauft und ein Patient war nach der Operation an einer Hirnblutung verstorben.

    Quellen:

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Parkinson: Pessimisten erkranken häufiger

    Geschrieben am 10. April 2005 MSimm Keine Kommentare

    Auf der Suche nach den Ursachen der Parkinson-Krankheit haben Wissenschaftler der Mayo-Klinik im amerikanischen Rochester eine überraschende Entdeckung gemacht: Pessimisten und andauernd ängstliche Menschen tragen ein um 40 Prozent höheres Risiko, an dem Leiden zu erkranken, als der Bevölkerungsdurchschnitt.

    Wie das Forscherteam um den Nervenarzt James Bower jetzt auf der Jahrestagung der US-Neurologen in Miami berichtete, fand man diesen Zusammenhang beim Rückblick auf Persönlichkeitsdaten, die Anfang der 60er Jahre an fast 5000 gesunden Einwohnern des US-Bundesstaates Minnesota gewonnen worden waren. Insgesamt 128 unter ihnen waren in den Jahrzehnten nach der Erhebung an Parkinson erkrankt – wobei die „Schüttellähmung“ stark gehäuft bei jenen Personen auftrat, die man damals anhand einer psychologischen Bewertungsskala als besonders ängstlich oder pessimistisch eingestuft hatte.

    „Wir haben einen klaren und deutlichen Zusammenhang gefunden zwischen einer ängstlichen oder pessimistischen Persönlichkeit und dem zukünftigen Auftreten der Parkinson-Krankheit“, sagte Bower. „Eine Erklärung für diesen Zusammenhang haben wir aber nicht gefunden“. Eine Möglichkeit sei es, daß Angst und Pessimismus über einen noch nicht bekannten Mechanismus das Entstehen des Leidens fördern. Ebenso wäre es möglich, daß bestimmte, noch nicht identifizierte Erbanlagen oder nicht-erbliche Risikofaktoren gleichermaßen eine ängstliche Persönlichkeit fördern, wie auch das Krankheitsrisiko erhöhen.

    Von der Parkinson-Krankheit ist etwa jeder 100ste über 65 Jahren betroffen. Bei diesen Personen sind meist über viele Jahre hinweg sehr kleine, spezialisierte Ansammlungen von Nervenzellen an der Basis des Großhirns abgestorben. Diese sogenannten Basalganglien produzieren den Botenstoff Dopamin, den das Gehirn zum Auslösen und Koordinieren von Bewegungen braucht. Anfänglich können Ärzte den Dopaminmangel noch mit einer Reihe von Medikamenten bekämpfen, doch läßt deren Wirkung nach einigen Jahren nach. Dann zittern die Patienten immer häufiger oder sie werden steif und erstarren. In 80 bis 90 Prozent aller Fälle können die Ärzte keinen Auslöser für die Erkrankung benennen. Beim überwiegenden Rest scheint das Krankheitsbild Folge der Rückbildung verschiedener Hirnstrukturen, etwa nach Schädelverletzungen, Schlaganfall, durch Drogen oder Giftstoffe. Auch manche Medikamente können als Nebenwirkung Parkinson-ähnliche Symptome hervorrufen. Nur in sehr wenigen Familien tritt das Leiden gehäuft auf, woraus Forscher auf die Beteiligung einer ganzen Reihe von Erbanlagen schließen.

    Mit der jetzt in Miami vorgestellten Untersuchung erweitert sich nun womöglich das Spektrum der bekannten Risikofaktoren für die Parkinson-Erkrankung um bestimmte Persönlichkeitsmerkmale. Allerdings betonte Studienleiter Bower auch, daß das Parkinson-Risiko selbst bei krankhaft ängstlichen Personen noch verhältnismäßig gering sei. „Unter 1000 angstgestörten Menschen im Alter von 40 Jahren werden etwa 27 an Parkinson erkranken – gegenüber etwa 17 von 1000 Menschen in der Gesamtbevölkerung.“ Noch völlig offen ist, ob eine Behandlung ängstlicher und pessimistischer Menschen – etwa mit Medikamenten aus der Klasse der Anti-Depressiva – das Risiko für die Parkinsonkrankheit vermindern kann. Diese wichtige Frage wolle man als nächstes untersuchen, so Bower.

    Quellen:

    • Pressemitteilung der Majo Clinic, American Academy of Neurology

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Parkinson: Erste Zelltherapie in Deutschland

    Geschrieben am 10. November 2003 MSimm Keine Kommentare

    Dass etwas nicht stimmt, bemerken anfangs nur die engsten Angehörigen. Mit einigen unbeholfenen Bewegungen oder einem leichten, halbseitigen Zittern beginnt der Leidensweg der Parkinson-Kranken. Medikamente helfen zwar viele Jahre, die Kontrolle zu behalten. Das Zittern des verstorbenen Papstes Johanes Paul II und die eingefrorenen Gesichtszüge des „größten Boxers aller Zeiten“, Muhammad Ali, aber zeigen, welches Schicksal die über 200 000 Betroffenen in Deutschland erwartet.

    Die spektakulärste und wegen ihrer durchwachsenen Erfolgsbilanz umstrittenste Therapie gegen die Krankheit erproben vor allem amerikanische Ärzte seit etlichen Jahren: Mitten ins Hirn werden Zellen transplantiert, um die gestörte Produktion des Botenstoffes Dopamin wiederherzustellen. Nun hat das Berliner Pharma-Unternehmen Schering bekannt gegeben, dass auch deutsche Neurochirurgen seit April eine ähnliche Therapie gegen die Parkinsonkrankheit testen. Der Versuch weist zwei Besonderheiten auf: Es ist das erste Mal, dass Patienten in Deutschland Zellen ins Gehirn eingepflanzt bekommen, sagt die Projektleiterin Elke Reisig. Außerdem stammen die Zellen aus der Netzhaut der Augen verstorbener Organspender.

    Bei den über 600 Zellverpflanzungen im Ausland stammte das implantierte Gewebe meist aus abgetriebenen menschlichen Embryonen oder, in einigen wenigen Fällen, von Schweinen. Moderaten Verbesserungen bei der Mehrzahl der Patienten stand dabei eine beträchtliche Zahl von Versuchsteilnehmern mit gravierenden Bewegungsstörungen gegenüber, die teilweise erst nach einer zweiten Operation verschwanden.

    Das in Deutschland erprobte Verfahren, das die kalifornische Firma Titan Pharmaceuticals entwickelt hat und Schering zur Marktreife führen will, wurde zunächst in einem kleinen Vorversuch getestet: Bei sechs Patienten hatte die Transplantation die Beweglichkeit um durchschnittlich 40 Prozent erhöht, die Verbesserung hatte über mehr als zwei Jahre angehalten. Darum folgt nun ein größerer Therapieversuch mit 68 Patienten in Europa und den USA, von denen zwölf bereits behandelt worden sind. Die meisten der europäischen Probanden will man an den Universitätskliniken Köln und Heidelberg operieren. Das nur bohnengroße Zielgebiet tief im Mittelhirn steuern die Teams der Neurochirurgen Volker Sturm und Volker Tronnier dabei mit einer Hohlnadel an, deren Pfad anhand detailreicher Bilder von einem Computer errechnet wird. In jeder Hirnhälfte legen die Chirurgen etwa 325 000 Netzhautzellen ab. Allerdings wird mit Einverständnis der Patienten nur jeder zweite von ihnen tatsächlich implantiert. Wen das Los dazu bestimmt, der bekommt eine Scheinoperation: In seinen Schädel wird zwar ein Loch gebohrt, aber dann keine Hohlnadel mehr ins Gehirn geschoben.

    Dieses für eine OP-Technik unübliche Verfahren soll sicherstellen, dass man später etwaige Fortschritte auseinander halten kann, die durch die Zellen und durch die intensive Betreuung der Versuchsteilnehmer ausgelöst werden. Die Planer der Studie halten dieses Verfahren für notwendig: Vor einigen Jahren hatten die ersten derart kontrollierten Versuche die Euphorie über die Implantation von Embryo-Zellen gedämpft.

    Wird der jetzige Versuch mit den Netzhautzellen zum Erfolg, dürfte das Ergebnis auch die Debatte um die Nutzung von Stammzellen beeinflussen. Seit Jahren nämlich wird die Parkinsonsche Schüttellähmung als Paradebeispiel dafür präsentiert, welche Heilerfolge mit embryonalen Stammzellen möglich sein könnten. Die Gegner der uneingeschränkten Forschung, die in Deutschland in der Mehrheit sind, werden es mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, dass deutsche Forscher maßgeblich beteiligt sind an einem Versuch, das ethisch umstrittene Rohmaterial entbehrlich zu machen.

    (Erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • GDNF gegen Parkinson: Armut als Nebenwirkung?

    Geschrieben am 10. Juli 2003 MSimm Keine Kommentare

    Clive Svendsen vom Waisman Center der Universität von Wisconsin in Madison ist es gelungen, aus jeweils einer unreifen menschlichen Hirn-Stammzelle (neurale Stammzelle) mehrere hunderttausend funktionsfähige Neuronen zu züchten. Transplantiert man diese Zellen in das Gehirn von Ratten, denen im Experiment ein Schlaganfall zugefügt wurde, so stopfen die gezüchteten Zellen die Lücken und verbessern die Leistungen der Ratten in verschiedenen Beweglichkeits-Tests. Im Gegensatz zu den ethisch umstrittenen, aus wenige Tage alten Embryonen gewonnenen, embryonalen Stammzellen gebe es bei den neuralen Stammzellen bisher keine Hinweise darauf, dass sie beim Empfänger Hirntumoren hervorrufen könnten, so Svendsen beim 6. IBRO World Congress of Neuroscience in Prag

    Am weitesten fortgeschritten sind die Zelltransplanteure bei der Parkinson´schen Krankheit. Hier hat man vorwiegend in Schweden und den USA bereits mit mehreren Hundert Patienten Erfahrungen gesammelt, denen zumeist Zellen aus abgetriebenen menschlichen Embryonen ins Gehirn injiziert wurden. Weil diese Methode aber nicht nur ethisch umstritten ist, sondern auch bei Dutzenden von Patienten als Nebenwirkung schwerwiegende Bewegungsstarren (Dyskinesien) hervorgerufen hat, versuchte man sich in jüngster Zeit mit Wachstumsfaktoren, die auf unterschiedliche Art im Gehirn platziert wurden. Eine Pilotstudie der kalifornischen Biotechfirma Amgen, bei der das Molekül GDNF (Glial Derived Neurotrophic Factor) 37 Patienten injiziert wurde ist laut Svendsen „kläglich gescheitert“. Robert Unterhuber, Pressesprecher der deutschen Amgen-Niederlassung in München räumt ein, daß man zunächst nicht erfolgreich gewesen sei und daß es zu unerwarteten Nebenwirkungen gekommen ist. Derzeit liefen weitere Studien mit einem etwas unterschiedlichen Verfahren, doch sei es noch zu früh, deren Erfolg zu beurteilen, so Unterhuber.

    Svendsen dagegen überraschte kürzlich die Fachwelt mit guten Nachrichten: Statt GDNF schlagartig ins Gehirn zu injizierten, hatte er seinen Patienten einen Katheter ins Denkorgan gelegt. Getrieben von einer kleinen, regulierbaren Pumpe im Bauchraum wurde das GDNF kontinuierlich in kleinsten Mengen freigesetzt. Die im März in der Fachzeitschrift Nature Medicine veröffentlichten Daten der ersten fünf Patienten belegen eindrucksvoll die Verringerung der Bewegungsstörungen um 39 Prozent und die Verbesserung der „Aktivitäten des täglichen Lebens“ um 61 Prozent binnen eines Jahres.

    “Bei täglichen Kosten von annähernd 2000 Dollar könnte allerdings Armut zur wichtigsten Nebenwirkung dieser Methode werden”, witzelte Svendsen in Prag. Er will deshalb in Zusammenarbeit mit Patrick Aebischer und Nicole Deglon von der Universität Lausanne neurale Stammzellen im Labor mit Hilfe der Gentechnik in GDNF-Produzenten verwandeln. Im Idealfall müssten diese Zellen dann nur einmal transplantiert werden, um viele Jahre den Wachstumsfaktor abzusondern.

    Der Clou ist dabei der Einbau eines genetischen Schalters, welcher es den Patienten erlauben soll, die GDNF-Zellen beispielsweise durch die Einnahme eines Antibiotikums zu aktivieren oder abzustellen. Im Gegensatz zur bereits hundertfach praktizierten Transplantation menschlicher fötaler Zellen in das Gehirn von Parkinson-Patienten könnte man mit dieser Strategie Nebenwirkungen weitgehend vermeiden, hofft Svendsen.

    Quellen:

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Parkinson-Krankheit: Risikofaktor Kopfverletzung

    Geschrieben am 10. Mai 2003 MSimm Keine Kommentare

    Schwere Kopfverletzungen vervierfachen das Risiko für die Parkinsonsche Krankheit, berichten Forscher der Mayo-Klinik im amerikanischen Rochester. Patienten, die längere Zeit bewusstlos waren und deren Verletzungen auf Röntgenbildern (CT) sichtbar waren, erkrankten nach etwa 20 Jahren sogar bis zu elf Mal häufiger als Menschen, die niemals am Kopf verletzt wurden. Ein Ärzte-Team um den Neurologen James Bower hatte die Krankengeschichten von 196 Parkinson-Patienten ausgewertet und mit den Daten von 196 Menschen gleichen Alters und Geschlecht verglichen, die nicht an Parkinson erkrankt waren. Möglich war dies im Rahmen des Rochester Epidemiology Project. Seit 1909 erfassen Statistiker dabei sämtliche medizinischen Leistungen für die Einwohner des Bezirks Olmsted, in dem die Mayo Klink liegt.

    „Ich war erstaunt, wie deutlich der Zusammenhang zwischen Kopfverletzungen und der Parkinson-Krankheit ist“, kommentierte Bower das Ergebnis der Untersuchung. Auch dass durchschnittlich 20 Jahre bis zum Ausbruch der Krankheit vergehen, habe ihn überrascht, sagte der Mediziner. Der Zusammenhang zwischen beiden Ereignissen ist bisher nicht bekannt. Deshalb könne man auch derzeit keine Ratschläge geben, wie Menschen nach einer Kopfverletzung mit dem erhöhten Parkinson-Risiko umgehen sollten, bekannte Bower. Sinnvoll sei es aber, beim Radfahren und ähnlichen Aktivitäten einen Helm zu tragen.

    Quelle:

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Parkinson-Krankheit: Neurologen ziehen Bilanz

    Geschrieben am 10. September 2001 MSimm Keine Kommentare

    Die Kenntnisse über Entstehung und Diagnose der Parkinsonschen Krankheit sind in den letzten Jahren enorm angewachsen, erklärten Experten auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Neurologie in Aachen. Zwischen 150 000 und 240 000, meist ältere Menschen leiden nach Schätzungen unter der Krankheit, deren wichtigste Merkmale verlangsamte Bewegungen, Zittern und Muskelstarre sind. Gegen diese Beschwerden stehen nicht nur eine Vielzahl von Medikamenten zur Verfügung, sondern neuerdings auch die Methode der Tiefen Hirnstimulation zur Behandlung besonders schwerer Fälle, betonten die in Aachen versammelten Spezialisten.

    Ein vom Bundesforschungsministerium mit 17 Millionen Mark gefördertes „Kompetenznetzwerk“ steckt allerdings auch nach zwei Jahren noch in der Startphase. Mehr als die Hälfte der bislang verausgabten Gelder sind alleine für die Planung und Erstellung einer vielfach gesicherten Datenbank für standardisierte wissenschaftliche Untersuchungen verbraucht worden, sagte Projektkoordinator Professor Wolfgang Oertel von der Universität Marburg. Die Abstimmung mit den zuständigen 13 Datenschutzbeauftragten habe 18 Monate gedauert. Im Prinzip könne jetzt aber „jeder Doktor von jedem Internet-Cafe der Welt“ zu dem Projekt beitragen, so Deutschlands bekanntester Parkinson-Experte. Oertel erwartet, dass die Investitionen sich langfristig auszahlen und das Datenbanksystem innerhalb von zwei Jahren EU-weit übernommen wird.

    Erklärtes Ziel des „Kompetenznetz Parkinson-Syndrom“ ist es, die Versorgung der Patienten zu verbessern und den Wissenstransfer von der Forschung in die Praxis zu beschleunigen. Zu den acht Forschungsschwerpunkten gehören Studien zur Früherkennung sowie zur Wirksamkeit neuer Medikamente und Operationsverfahren ebenso wie Kosten-Nutzenrechnungen und der Aufbau von Datenbanken mit Gewebeproben und genetischen Informationen.

    Durch Vergleiche zwischen den Erbinformationen Betroffener und gesunder Menschen haben Wissenschafter in aller Welt mittlerweile sieben Gene gefunden, die mit den Parkinson-typischen Krankheitszeichen in Zusammenhang stehen. Eines dieser Gene – es enthält den molekularen Bauplan für das Eiweiß Alpha-Synuklein – könnte vielleicht den Tod spezialisierter Nervenzellen in einem winzigen Teil des Kleinhirns erklären. Diese Zellen, die mit Hilfe des Botenstoffes Dopamin Bewegungssignale übertragen, beginnen bereits viele Jahre vor dem Ausbruch der Krankheit zu sterben. Bei Gewebeuntersuchungen Verstorbener fanden Pathologen in den Zellen immer wieder Klümpchen aus Alpha-Synuklein. Bei einer Handvoll Familien, die unter einer erblichen Form von Parkinson leiden, sind die fatalen Klümpchen offensichtlich die Folge eines Defekts im Gen für Alpha-Synuklein.

    Zwar haben die weitaus meisten Parkinson-Kranken das Leiden nicht geerbt, doch könnten zufällige Mutationen auch bei ihnen eines der bekannten oder unbekannten „Parkinson-Gene“ beschädigt haben. Außerdem halten es viele Wissenschaftler es für wahrscheinlich, dass normales Alpha-Synuklein sich in Gegenwart bestimmter, Drogen, Medikamente oder anderer Umwelteinflüsse in die giftige, klümpchenbildende Variante umwandelt.

    Die Suche nach Substanzen, welche die Klümpchenbildung verhindern könnten, ist bereits in vollem Gange. In Verbindung mit einer verbesserten Früherkennung könnte diese Strategie den Ausbruch der Krankheit verzögern oder gar verhindern. Denn noch immer vergehen zwischen fünf und zehn Jahren zwischen dem Beginn des Nervenzerfalls und der Diagnose der Krankheit, berichtete Oertels Mitarbeiter Günter Höglinger. Zu diesem Zeitpunkt sind etwa achtzig Prozent der Dopamin bildenden Nervenzellen im Bereich der so genannten Substantia nigra untergegangen. Ob die viel diskutierten Stammzellen den Verlust ersetzen können, wird man erst in vielen Jahren beurteilen können, räumt einer der prominentesten Verfechter dieser Forschungsrichtung ein, Otmar Wiestler vom Institut für Neuropathologie der Universität Bonn.

    Helfen können die Ärzte ihren Patienten derzeit nur mit Arzneien, die den Verlust des Botenstoffes Dopamin vorrübergehend ausgleichen. Zusätzlich verschreibt man oft Psychopharmaka gegen Schlafstörungen, Depressionen und anderer Gemütsschwankungen, die sowohl eine Folge der Krankheit sein können als auch eine Nebenwirkung der Dopamin-Behandlung.

    Probleme bereitet die Ersatztherapie auch deshalb, weil ihre Wirksamkeit mit zunehmender Krankheitsdauer nachlässt. Das Zittern wird immer stärker, kontrollierte Bewegungen sind mitunter kaum mehr möglich. Mehr noch fürchten viele das „OFF“, einen Starrezustand, der völlig unberechenbar eintritt und bis zu zwei Stunden anhalten kann.

    Die einzige verbleibende Möglichkeit für diese Patienten sind komplizierte Operationen am Denkorgan. Mit millimetergenauen Eingriffen schalteten Neurochirurgen früher die betroffenen Hirnregionen unwiderruflich durch Hitzeeinwirkung aus (Pallidotomie). Heute bevorzugt man das Verfahren der Tiefen Hirnstimulation (auch Tiefhirnstimulation), bei dem in spezialisierten Kliniken eine Elektrode samt programmierbarem Minicomputer implantiert wird. Der lässt sich dann per Knopfdruck vom Patienten aktivieren, um die zappelnden Gliedmaßen binnen Sekunden zu beruhigen. Videoaufnahmen, die den dramatischen Effekt der Tiefen Hirnstimulation dokumentieren, wurden auch in Aachen gezeigt und gehören sicher zu den eindrucksvollsten Belegen für die Fortschritte der Neurologie. Um durchschnittlich 80 bis 90 Prozent ließen sich die Bewegungsstörungen verringern, berichtete beispielsweise Jens Volkmann von der Neurologischen Klinik der Universität Kiel. Der Medikamentenverbrauch sinke nach dem Eingriff im Mittel um 60 Prozent. Etwa jeder zehnte Parkinson-Patient könnte durch die Tiefhirnstimulation von seinem Leiden befreit werden, schätzt Professor Volker Sturm, der solche Operationen an der Kölner Universitätsklinik durchführt.

    Wunder können allerdings auch die Neurologen nicht vollbringen: Die Wirkung der Tiefen Hirnstimulation hält zwar über mindestens neun Jahre an, wie die Daten der ersten Patienten belegen. Die Lebensqualität scheint aber nicht im gleichen Maße zuzunehmen, fand die Arbeitsgruppe um Volker Tronnier an der Universität Heidelberg heraus. Die Ärzte beobachteten vermehrte Sprech- und Schluckstörungen und notierten außerdem häufige Depressionen bei gleichzeitiger Abnahme von Initiative und Motivation. Damit werde „ein Teil des Zugewinns aufgewogen“, mussten die Experten in Aachen bekennen.

    Quelle:

    • 74. Kongress Deutsche Gesellschaft für Neurologie. Aachen

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Frische Zellen gegen die Schüttellähmung

    Geschrieben am 10. August 1999 MSimm Keine Kommentare

    Ob Herz oder Niere, längst ist die Organtransplantation zur Routine geworden. Nur das Gehirn stellte die Medizin bisher vor scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten. Dabei gelangen Wissenschaftlern schon in den 80er Jahren beeindruckende Erfolge mit der Verpflanzung von Nervenzellen bei Ratten, die an einer Parkinson-ähnlichen Krankheit litten. Tiere, die sich zuvor hilflos im Kreis gedreht hatten, gewannen ihre ursprüngliche Bewegungsfähigkeit zurück oder drehten sich zumindest deutlich langsamer. Allerdings waren die Spenderzellen für die Tierversuche aus dem Gewebe abgetriebener Rattenembryonen gewonnen worden.

    Da die Umsetzung dieser Strategie beim Menschen große ethische Probleme bereitet, versuchte man zunächst, Gewebe aus dem Nebennierenmark von Parkinsonpatientenzu entnehmen und in die geschädigten Hirnregionen zu transplantieren. Bis 1989 wurden weltweit mehr als 300 solcher Eingriffe vorgenommen, jedoch führte dies nur bei einem Drittel der Kranken zu einer leichten Verbesserung der Bewegungsstörungen in den ersten neun Monaten. Den bei Parkinsonpatienten fehlenden Botenstoff Dopamin konnten die Zellen aus der Niere offenbar nicht ersetzen.

    Hirngewebe aus abgetrieben menschlichen Embryonen implantierte 1987 erstmals ein Ärzteteam aus Mexico City bei einem Parkinsonpatienten. Ähnliche Eingriffe gab es seitdem rund 250 Mal, wobei die Arbeitsgruppe um Anders Björklund an der schwedischen Universität Lund besonders erfolgreich war. Die transplantierten Zellen übernehmen die Aufgabe abgestorbenen Gewebes in der Hirnregion der Substantia nigra und sie überleben dort mindestens ein halbes Jahr nach dem Eingriff.

    In den letzten zehn Jahren hat Björklund mindestens 16 Patienten behandelt, darunter auch zwei Deutsche. Für die Entnahme der Zellen hatte die schwedische Regierung eigens ein Gesetz erlassen. Durch die vollständige Trennung von legalen Abtreibungen und Zelltransplantationen soll verhindert werden, dass Embryonen als Organspender missbraucht werden. Auch die europäische Expertenkommission Nectar (Network on European CNS Transplantation and Restoration) hat Richtlinien verabschiedet, die eine strikte Trennung zwischen Schwangerschaftsabbruch und Gewebegewinnung vorschreiben. Die mögliche Nutzung von Gewebe darf also keinerlei Einfluss auf die Entscheidung der Frau haben.

    In den Vereinigten Staaten ist die staatliche Förderung derartiger Experimente derzeit verboten. Renommierte Forscher wie Curt Freed von der University of Colorado haben dennoch zahlreiche Patienten behandelt, die an der Parkinson´schen Krankheit litten. Das Geld dafür wurde Freed von privaten Spendern und Biotechfirmen bereitgestellt. Zwar sind die Ergebnisse von Freeds Arbeiten größtenteils noch unveröffentlicht, doch konnte er auf einer Fachkonferenz im Frühjahr 1999 zumindest berichten, daß ein Teil der jüngeren Patienten von der Behandlung profitiert.

    In Deutschland gelten die Richtlinien der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer zur Übertragung von Nervenzellen in das Gehirn von Menschen. Darin werden „erhebliche Bedenken” gegen Heilversuche und klinische Studien zum gegenwärtigen Zeitpunkt vorgebracht und ein Versuchsstopp empfohlen, bis die Grundlagenforschung weiter fortgeschritten ist. Einen möglichen Ausweg aus dem ethischen Dilemma sehen Björklund, Freed und andere Wissenschaftler darin, Nervenzellen im Labor zu züchten oder von Tieren zu gewinnen. Ron McKay vom Nationalen Schlaganfallinstitut der USA ist es bereits gelungen, die Zahl embryonaler Rattenzellen in Kulturschalen zu verzehnfachen und mit diesen Zellen erwachsene Tiere erfolgreich zu behandeln. Im Herbst vergangenen Jahres verpflanzte Freed klonierte Kuhzellen auf parkinsonkranke Ratten. Wenig später fanden Forscher der Universitäten Lund und Konstanz einen Trick, um die Haltbarkeit embryonaler Zellen nach der Transplantation zu verbessern. Ihnen gelang es, ein Enzym auszuschalten, welches kurz nach der Transplantation einen Großteil des verpflanzten Gewebes zerstört. Der Anteil überlebender Zellen konnte so in Ratten auf das Vierfache gesteigert werden.

    Mit embryonalen Schweinezellen versucht die amerikanische Biotechfirma Genzyme die Versorgungslücke zu schließen. Erste Versuche seien sowohl bei 12 Parkinsonpatienten als auch bei 12 Patienten mit Chorea Huntington ermutigend verlaufen, teilte die Firma im April 1999 mit. Im Februar diesen Jahres hat Genzyme ähnliche Experimente in Großbritannien beantragt, meldete der Nachrichtensender BBC. Allerdings hat der Europarat kürzlich ein Moratorium für die Verpflanzung tierischer Organe auf den Menschen gefordert. Es sei nicht ausgeschlossen, dass dabei Krankheitserreger verschleppt oder gar neue Seuchen verursacht werden.

    Ohne embryonales Gewebe und ohne tierische Zellen behandelte Douglas Kondziolka vom Center for Image-Guided Neurosurgery der University of Pittsburgh bisher neun Patienten, die einen Schlaganfall erlitten hatten. Kondziolka nutzte Zellen, die ursprünglich aus einem Tumor gewonnen und durch Zugabe von Vitamin A dauerhaft in Nervenzellen verwandelt wurden. Lizenznehmer ist die Firma Layton Bioscience welche die „gezähmten” Tumorzellen in ihren Katalogen zum Versand anbietet. Ihre Bewährungsprobe haben die so genannten hNT-Neuronen bereits bestanden, wie Kondziolka im Februar 1999 auf einer Fachtagung der American Heart Association berichtet hat: Alle Operationen die jeweils etwa ein halbes Jahr nach dem Schlaganfall erfolgten, seien unproblematisch und sicher gewesen, berichtete der Neurochirurg. Bereits 24 Stunden nach dem Eingriff konnten die Patienten die Klinik verlassen. Drei von ihnen vermeldeten „geringfügige Verbesserungen der Beweglichkeit”, doch ist laut Kondziolka unklar, ob dieser Erfolg dem Eingriff selbst oder anderen Faktoren zu verdanken ist.

    Forschern der kanadischen Firma NeuroSpheres Limited ist es sogar schon gelungen, mit Nervenstammzellen Mäuse zu retten, die eine normalerweise tödliche Strahlendosis erhalten hatten. Wie Christopher R.R. Bjornsen und seine Kollegen in der Fachzeitschrift „Science” berichteten (Band 283, S. 534, 1999), wanderten die transplantierten Stammzellen ins Rückenmark und übernahmen dort die Herstellung aller Arten von Blutzellen.

    In Fachkreisen haben derartige Versuche große Begeisterung hervorgerufen, berichtete Evan Snyder vom Children´s Hospital in Boston im Januar 1999 auf der Jahrestagung der US-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) in Anaheim. Snyder, der selbst zu den erfolgreichsten Forschern auf diesem Gebiet zählt, verglich die neuronalen Stammzellen mit Saatgut, das die Löcher in einem kaputten Rasen stopfen könnte. Menschliche Nervenstammzellen, die Evans auf Mäuse mit verschiedenen Arten von Hirnschäden transplantierte, wanderten selbstständig dorthin, wo sie gebraucht wurden. Am Unfallort reiften sie dann zu exakt den Zelltypen heran, die am dringendsten benötigt wurden und nahmen Kontakt zu intakten Nachbarzellen auf. „Ich denke, wir haben jetzt eine Alternative zur Transplantation embryonaler menschlicher Zellen gefunden”, sagte Snyder. Ausreichende finanzielle Mittel vorausgesetzt können die Erprobung der Technik bereits in zwei Jahren beginnen.

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF
  • Tiefe Hirnstimulation bei Parkinson erfolgreich

    Geschrieben am 1. Dezember 1998 MSimm Keine Kommentare

    Das Zittern und Zappeln seiner Patienten kann Andries Bosch hervorragend imitieren: Wie eine Marionette an den Fäden eines ungeschickten Puppenspielers bewegt sich der Neurochirurg durch den Raum, um plötzlich wieder in einen normalen, entspannten Gang zu verfallen. „So sieht es aus, wenn ich den Schalter umlege und das Gehirn elektrisch stimuliere”, beschreibt der Niederländer das spektakuläre Ergebnis des Eingriffes, den er schon Dutzende Male an der Universität Amsterdam durchgeführt hat.

    Meist sind es ältere Menschen im fortgeschrittenem Stadium der Parkinson-Krankheit, die von der sogenannten Tiefhirnstimulation profitieren, erklärte Bosch auf dem 8. Kongress der Europäischen Gesellschaft für Stereotaktische und Funktionale Neurochirurgie, der kürzlich in Freiburg stattfand. Etwa ein Viertel aller Vorträge waren der Tiefhirnstimulation und ähnlichen Techniken gewidmet. Das starke Interesse überrascht Bosch nicht im geringsten: „Bis zu 80 Prozent aller Patienten könnten von diesen Eingriffen profitieren, wenn sechs bis acht Jahre nach Beginn des Leidens die Medikamente ihre Wirkung verlieren.” Probleme gibt es allerdings noch mit den Krankenkassen. In den Niederlanden ebenso wie in Deutschland weigern sie sich derzeit noch, die Kosten von etwa 15000 Mark zu erstatten. Doch das wird sich ändern, wenn Bosch mit seiner derzeit laufenden Studie Erfolg hat. Videoaufnahmen, die 70 Patienten, mit „Zitterkrankheiten”, Parkinson oder Multipler Sklerose jeweils vor und nach der Operation zeigen, sollen zusammen mit verschiedenen Bewertungssystemen den Beweis erbringen, daß die Tiefhirnstimulation auch unter finanziellen Gesichtspunkten eine sinnvolle Methode darstellt.

    Die Chancen dafür stehen gut, weiß Bodo-Christian Kern, Oberarzt am Universitätsklinikum Benjamin Franklin (UKBF) der Freien Universität Berlin. Zwar wurde die High-Tech-Operation, bei der dem Patienten eine Elektrode ins Gehirn implantiert wird, erst kürzlich von der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA genehmigt. In Europa hat man damit jedoch schon seit 1989 Erfahrungen gesammelt.

    Allein acht Zentren in Deutschland verfügen über das nötige Know-how, darunter die Universitätskliniken in Heidelberg, Köln, Homburg an der Saar und München. Weltweit, schätzt Kern, wurden bisher rund tausend Parkinsonkranke mit der neuen Methode behandelt. 50 bis 60 dieser Patienten erhielten die Therapie in Berlin an der Neurochirurgischen Klinik des UKBF, die Kerns Chef, Mario Brock, leitet. Die Erfolgsquote des neuen Verfahren, berichtet Kern, liegt bei 80 bis 85 Prozent. Bei anderen Zitterkrankheiten seien es sogar 90 Prozent.

    Durch ein kleines Loch in der Schädeldecke schieben die Ärzte während der Operation vorsichtig eine Elektrode in eines jener Nervenzentren, deren Schädigung Zittern, Zuckungen und Muskelsteife verursachen kann. Anders als beim einfachen Zittern (Tremor), bei dem in der Regel das Zwischenhirn Ziel der Operation ist, steuern die meisten Arbeitsgruppen bei ihren Parkinsonpatienten tiefer liegende Hirnregionen an. Zu diesen zählen der sogenannte Globus pallidus im Endhirn sowie der Nucleus subthalamicus. Die erbsengroßen Nervenknoten sind beide an der Feinsteuerung von Bewegungen beteiligt.

    Während der Operation müssen sich die Chirurgen quasi blind zu ihrem Ziel vortasten. Zwar kartieren Neuroradiologen das Operationsgebiet zuvor mit Hilfe modernster bildgebender Verfahren. Die Feinortung im Hirn des Patienten können die Mediziner jedoch nur gemeinsam mit dem Kranken vornehmen: Bei vollem Bewußtsein muß er während des Eingriffs auf Zuruf einen Finger, die Hand oder den Arm bewegen, bis die Ärzte zum richtigen Hirnareal vorgedrungen sind. Unter Vollnarkose wird schließlich ein Stimulator vom Format eines größeren Feuerzeugs unterhalb des Schlüsselbeins implantiert und mit der Elektrode im Kopf verbunden. Nach der Operation stellt der Arzt Stromstärke und Frequenz der Schrittmacher-Impulse individuell auf den Kranken ein. Mit einem Magneten kann der Patient seinen Hirnschrittmacher später nach Belieben einschalten, sobald das Zittern beginnt. Die elektrischen Impulse bringen die Zuckungen sofort zum Stopp.

    Kommt es durch die Operation trotz aller Vorsicht zu Problemen – etwa zu einem Taubheitsgefühl in der Hand – bleibt als letzte Möglichkeit noch immer: Abschalten. Diese Option ist für Kern der Hauptvorteil der Tiefhirnstimulation gegenüber der fast 50 Jahre alten Pallidotomie. Auch bei dieser wird dem Patienten eine Elektrode ins Gehirn eingeführt – doch nur für die Dauer der Operation. Der Draht dient hierbei dazu, ein etwa linsengroßes Stück Gewebe im Zwischenhirn regelrecht zu verbrennen. Spezialisten wie Christoph Ostertag von der Universität Freiburg haben die Pallidotomie in den vergangenen Jahren ständig verfeinert und haben damit bereits große Erfahrung, die bei der noch jungen Hirnschrittmacher-Methode fehlt. Die Methode ist laut Ostertag wesentlich billiger und erspart entfernt lebenden Patienten den Weg in die Spezialklinik zur Nachjustierung des Stimulators. Der Trend in der Neurochirurgie gehe jedoch seit einigen Jahren weg vom Zerstören, das immer irreversibel ist, hin zur Stimulation von Hirnzentren, die man jederzeit beenden wieder kann, sagt Kern.

    Der Oberarzt des Berliner Universitätsklinikums räumt aber ein, daß auch die Tiefhirnstimulation Risiken mit sich bringt. Bei vier Prozent der Eingriffe entstünden im Gehirn größere Verletzungen an Blutgefäßen, die ähnliche Folgen haben wie ein kleiner Schlaganfall. Viele Patienten würden diese Gefahr bereitwillig in Kauf nehmen. Doch auch in Berlin verweigern die Krankenkassen die Kostenerstattung, so daß die Stimulatoren derzeit noch aus der Klinikkasse bezahlt werden müssen. Kern empfindet dies als große Ungerechtigkeit, da Medikamente täglich bis zu 10 Mark kosten und anstandslos erstattet werden. Dabei sei die Wirkung der Substanzen von begrenzter Dauer. Denn sie können zwar den Botenstoff Dopamin ersetzen, nicht jedoch seine Empfängerzellen in der winzigen Hirnregion Substantia nigra, die im Verlauf der Krankheit absterben.

    Möglicherweise werden sich jedoch Stoffe wie der gentechnisch hergestellte Wachstumsfaktor GDNF, den Forscher derzeit in klinischen Studien testen, besser bewähren. Er soll den Tod der Hirnzellen verzögern. Gleichzeitig arbeitet man daran, Nervenzellen von Verstorbenen oder von Tieren im Labor auf die Produktion von GDNF und ähnlichen Substanzen zu programmieren. Die Zellen sollen dann ins Gehirn von Patienten verpflanzt werden und dort als lebende Arzneifabriken dem Verfall entgegenwirken. Bis es jedoch soweit ist, sind Hirnschrittmacher neben der Pallidotomie die einzige Alternative für die etwa 280 000 Parkinsonkranken hierzulande. Von den Elektroden im Kopf profitieren sie mindestens zwei Jahre, wie die wenigen bisher veröffentlichten Studien zeigen – vielleicht sogar länger.

    Weitere Informationen:

    Beitrag empfehlen / bookmarken / RSS-Feed / drucken...
    • Yigg
    • Twitter
    • LinkArena
    • MisterWong.DE
    • Webnews.de
    • Facebook
    • Google Bookmarks
    • MySpace
    • Diigo
    • del.icio.us
    • Technorati
    • StumbleUpon
    • RSS
    • Print
    • PDF