Artikel, Trends und Hintergründe aus Medizin & Pharma, Gentechnik & Hirnforschung
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  • Die Wochenschau 02-2010

    Geschrieben am 18. Januar 2010 MSimm Keine Kommentare
    • Nach 25 Jahren Forschung gibt es (wieder einmal) Hoffnung auf einen Impfstoff gegen die Tropenkrankheit Malaria, meldet Marcus Theurer aus London in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Jo Cohen habe die Vakkzine für GlaxoSmithKline (GSK) entwickelt, den viertgrößten Pharmakonzern der Welt. Mitbeteiligt war als Geldgeber die von Microsoft-Gründer Bill Gates finanzierte Malaria Vaccine Initiative. Der Impfstoff befindet sich demnach in Phase III der klinischen Prüfung, einem Stadium in dem normalerweise die entscheidenden Daten für die Marktzulassung gesammelt werden. Laut Cohen liegt die Gefahr eines Scheiterns in dieser Phase nur noch bei 10 bis 15 Prozent – “gefühlsstatistisch” scheint sie mir höher zu sein. Mag sein, dass GSK die gute Nachricht gerade jetzt verbreitet, weil das Unternehmen als einer der Hauptproduzenten eines Impfstoffes gegen die Schweinegrippe derzeit von vielen Seiten der Panikmache und Preistreiberei bezichtigt wird. Aber erstens glaube ich nicht an solch eine “Verschwörung”. Zweitens darf, wer Gutes tut, auch darüber reden. Und drittens ist die Malaria mit geschätzten 900000 Todesopfern jährlich nach vor einer der schlimmsten Killer unter den Infektionskrankheiten.
    • Die neuesten europäischen Zahlen zur so genannten Schweinegrippe fasst das Deutsche Ärzteblatt zusammen. Demnach haben sich bisher 36,4 Millionen Europäer gegen die neue Form der Influenza impfen lassen und zwar ohne, dass ein Anstieg schwerwiegender Impfkomplikationen erkennbar sei. Die Daten stammen aus einer Pressemitteilung der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA und von EudraVigilance, einem Netzwerk zur Erfassung von Nebenwirkungen bereits zugelassener Arzneien und Impfstoffe, wo man 8580 Berichte zur Schweinegrippe-Impfung registriert hat. Dem stehen bislang 2078 Todesopfer durch die neue Grippe in Europa gegenüber. Auch für die USA gibt es neue Zahlen, diesmal von deren “Krankheitskontrollzentrum” CDC. Zwischen April und 12. Dezember 2009 gab es demnach geschätzte 55 Millionen Infektionen, das entspricht etwa etwa jedem sechsten Einwohner. Knapp 250000 mussten deswegen ins Krankenhaus, und 11160 Menschen starben. Danke für den Hinweis an Volker Stollorz, dem Experten zum Thema unter Deutschlands Wissenschaftsjournalisten.
    • Und zu guter Letzt frage ich Sie, ob sie es auch gemerkt haben. Dass nämlich das letzte Wochenende irgendwie mehr Spaß gemacht hat, als die Arbeitswoche davor? Dann geht es Ihnen wie Richard Ryan, Professor für Psychologie an der Universität von Rochester. “Von Bauarbeitern und Sekretärinnen bis hin zu Ärzten und Rechtsanwälten sind die Menschen von Freitag Abend bis zum Sonntag Nachmittag besser gelaunt und aktiver und sie haben weniger Sorgen und Schmerzen”. So lautet das Ergebnis einer Studie mit 74 arbeitenden Erwachsenen, die Ryan soeben im Journal of Social and Clinical Psychology veröffentlicht hat. Außerdem hat der Wissenschaftler festgestellt, dass es einen engen Zusammenhang gibt zwischen dem “Wochenend-Effekt”und 1. Der Freiheit, zu tun was man will sowie 2. Der Gelegenheit, Zeit mit den Menschen zu verbringen, die man liebt. Mit dieser Erkenntnis ist Ryan sicher ein heißer Kandidat für den Ig-Nobelpreis

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  • Nach Kindestod: Trauerhilfe per Internet

    Geschrieben am 6. August 2009 MSimm Keine Kommentare

    Vorbemerkung: Es folgt eine Pressemitteilung der Universität Münster. Sie wurde ausgewählt zur Wiedergabe auf Simmformation, weil hier eine Methode beschrieben wird, die es mit vergleichsweise geringem Aufwand ermöglichen könnte, Eltern zu helfen, die ihr Kind während der Schwangerschaft oder unmittelbar danach verloren haben.

    „Der Verlust eines ungeborenen Kindes ist für die betroffenen Eltern oft ein traumatisches Erlebnis.“ Diese Erfahrung hat Professor Anette Kersting als Ärztin und Psychotherapeutin in der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Münster (UKM) bereits häufig gemacht. Aus diesem Grund entwickelte sie ein bundesweit einmaliges Projekt: Eltern, die während oder unmittelbar nach der Schwangerschaft ein Kind verloren haben, bietet Anette Kersting gemeinsam mit den Diplom-Psychologinnen Kristin Kroker und Katja Baus eine Internettherapie, in der sie ihre Trauer verarbeiten können. Vor rund 18 Monaten startete das Onlineportal Internettherapie nach Verlust eines Kindes in der Schwangerschaft. Mittlerweile liegen im Rahmen der wissenschaftlichen Evaluierung des Projekts erste Ergebnisse vor, die auf eine gute Wirksamkeit der Internettherapie schließen lassen.

    Insgesamt 54 Patienten (52 Frauen und zwei Männer) nahmen bisher an der Behandlung teil – mit Erfolg, wie die Untersuchungsergebnisse des Projekts belegen: „Im Anschluss an die Behandlung zeigten die Klienten signifikante Verbesserungen auf allen Symptomebenen. Gemessen auf den Ebenen Trauer, traumatisches Erleben, allgemeine psychische Belastungen, Depressivität, Ängstlichkeit und Somatisierung ging es den Teilnehmern der Therapie signifikant besser als vor der Behandlung,“ freut sich Kersting. Drei Monate nach Abschluss der Behandlung wurden die Teilnehmer erneut befragt – auch zu diesem Zeitpunkt war der Zustand der Betroffenen weiterhin so stabil wie direkt nach der Therapie.

    Diese positive Entwicklung würdigt auch das Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ), das eine Weiterförderung des Projekts in Höhe von 65000 Euro pro Jahr bis 2011 bewilligte. Dank dieser Förderung können betroffene Eltern die Onlinetherapie kostenlos in Anspruch nehmen. Das Team um Anette Kersting hofft nun, noch viele weitere Eltern in ihrem Trauerprozess zu unterstützen und langfristige Daten zur Wirksamkeit ihrer Therapie sammeln zu können. Dabei wünschen sich die Therapeutinnen, dass in Zukunft auch mehr Männer das Angebot nutzen. Denn Männer trauern anders als Frauen, sind vom Verlust eines Kindes aber ebenso betroffen wie Frauen: „Eine Fehl- oder Totgeburt ist für beide Elternteile ein einschneidendes Erlebnis, das psychisch sehr belastend sein kann“, erklärt Kersting den Leidensdruck trauernder Mütter und Väter. Therapeutische Unterstützung nehmen jedoch nur wenige Väter in Anspruch. Eine herkömmliche Psychotherapie ist für viele immer noch mit einem gesellschaftlichen Makel behaftet. Die Internettherapie hingegen bietet den Betroffenen mehr Anonymität und senkt die Hemmschwelle, professionelle Hilfe in dieser schwierigen Zeit in Anspruch zu nehmen. Doch nicht für alle Patienten ist die Internettherapie die geeignete Therapieform: Menschen, die unter Begleiterkrankungen wie Depressionen leiden oder suizidgefährdet sind, verweist das Team an andere Behandlungsangebote.

    Helfen per Internet: Professor Kersting (l.) und Kollegen (Foto: ukm)

    Helfen per Internet: Professor Kersting (l.) und Kollegen (Foto: ukm)

    Obwohl die Kommunikation in der Onlinetherapie ausschließlich schriftlich per E-Mail erfolgt, entwickelt sich eine intensive Beziehung zwischen Patient und Therapeut: „Die Therapie ging vielen Teilnehmern unglaublich nahe und sie waren erstaunt darüber, wie sehr ihnen die Beratung hilft“, berichtet Kersting. Die Behandlung besteht aus zehn strukturierten Schreibaufgaben, die über einen Zeitraum von fünf Wochen durchgeführt werden. Innerhalb eines Werktages erhalten die Patienten eine Rückmeldung auf ihren Essay und Instruktionen für die nächsten Aufgaben. „Dabei gehen wir individuell auf die Situation der Klienten ein“, betont die Therapeutin. Das Behandlungskonzept selbst gliedert sich in drei Module: In der ersten Phase der Selbstkonfrontation beschäftigen sich die Eltern in vier Texten detailliert mit dem Verlust, indem sie eine besondere Situation ausführlich beschreiben. In der zweiten Phase werden die Patienten aufgefordert einen unterstützenden Brief an eine fiktive Freundin zu schreiben, die das gleiche erlebt hat. So sollen die eigenen Gedanken in Frage gestellt und eine neue Perspektive des Verlusts eingenommen werden. Die dritte Behandlungsphase zielt schließlich darauf ab, das soziale Netzwerk zu reaktivieren und in die Situation der Eltern einzubeziehen.

    Fragen zum Therapieangebot beantworten die Fachfrauen in Einzelchats im Rahmen einer offenen Sprechstunde, die jeden Dienstag von 10 Uhr bis 11 Uhr stattfindet. Weitere Informationen und Anmeldung zur Therapie gibt es hier. Hilfe zur Bewältigung der Trauer um ein totes Kind versprechen zudem mehrere Bücher. Die folgenden wurden von den weitaus meisten Lesern bei Amazon als einfühlsam und hilfreich bewertet: “Schmetterlingsflüstern – Botschaften einer Kinderseele“, “Meine Trauer wird Dich finden“, “Tief im Herzen und fest an der Hand” sowie “Ein Engel ist von uns gegangen“.

    Kritisches Nachwort: Trotz des löblichen Ansatzes habe ich oben bewusst geschrieben, die Trauertherapie über das Internet könnte wirksam sein. Zwar waren die Psychotherapeuten offensichtlich “erfolgreich” in dem Sinne, dass es den Trauernden nach der Therapie besser ging als zuvor. Es fehlt allerdings ein Vergleich, ob es den Betroffenen nicht auch ohne diese Therapie besser gegangen wäre – zumindest steht davon nichts in der Pressemitteilung und es gibt auch keinen Hinweis darauf, dass die Studie in einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift veröffentlicht und von Kollegen auf ihre Stichhaltigkeit überprüft wurde. Für das Familienministerium und deren Leiterin Ursula von der Leyen ist dies anscheinend nicht so wichtig. Es ist Wahlkampfzeit und deshalb halte ich mich mit Hurra-Schreien zurück, wenn ich lese, dass nun erst einmal 65000 Euro jährlich für eine “Weiterförderung” des Projekts bewilligt wurden, damit betroffene Eltern diese Online-Therapie kostenlos erhalten. Die Chancen stehen gut, dass sich die Wirksamkeit der Psychotherapie per Internet auch für trauernde Eltern erbringen lässt, (für Schlaflosigkeit ist dies bereits gelungen). Aber erst danach würde ich solch ein Angebot für alle Betroffenen gerne mit meinen Steuern oder Krankenkassenbeiträgen mitfinanzieren. Geld ist ja genug vorhanden, 65000 Euro sind nämlich – wenn ich mich nicht verrechnet habe – gerade einmal 0,000065 Milliarden.

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  • Die hemmungslose Gesellschaft

    Geschrieben am 5. August 2009 MSimm Keine Kommentare

    Vorbemerkung: Welche Art von Besuchern wird das Wörtchen “Sex” wohl auf meine Webseite ziehen?, habe ich mich gefragt und möchte deshalb von vorne herein feststellen, dass der nachfolgende Beitrag  weder für geile Böcke bestimmt ist, noch für moralinsaure Moralapostel. Statt dessen geht es mir darum, auf eine – wie ich finde – ziemlich beunruhigende Entwicklung hinzuweisen, die oft als “sexuelle Verwahrlosung” oder “Pornographisierung der Gesellschaft” beschrieben wird, und auf die ich erstmals durch meine Kollegin Jutta Bissinger aufmerksam wurde. Jutta, soviel Werbung erlaube ich mir hier, ist nicht nur sozial engagiert, sondern kann auch richtig gut schreiben. Zum Beweis und zur Einstimmung auf das Thema, lesen Sie doch einfach ihren Artikel “Was frau beim Protest gegen Sexwerbung alles erleben kann“, aber vergessen Sie bitte nicht, danach auf diese Seite zurück zu kehren.

    Sie sind noch dabei? Oder wieder da? Dann lesen sie weiter und staunen Sie über den “Wunsch nach dem perfekten Genital”. Das Stück stammt vom Nachrichtendienst “amPuls-online“, bei dem ich mich hiermit für die Genehmigung zur Wiedergabe bedanken möchte.

    Besserer Sex durch Vaginal-Verjüngung?

    Der Schönheitswahn ist im Genitalbereich angekommen. Bis zur Vergrößerung des G-Punktes ist alles dabei. Die Risiken solcher Eingriffe werden gerne übersehen.

    Vergrößerung des G-Punktes, Verkleinerung der inneren Schamlippen, Wiederherstellung des Jungfernhäutchens – der Drang nach dem perfekten Körper betrifft schon lange nicht mehr nur gestraffte Augenlider und größere Brüste. Immer mehr Frauen unterziehen sich einer Genitaloperation aus rein kosmetischen Gründen. Bei solchen Operationen handelt es sich beispielsweise um die Verkleinerung der inneren und Vergrößerung der äußeren Schamlippen, Fettabsaugen am Schamhügel, Vaginalverengung oder aber um die Vergrößerung des G-Punktes durch Kollagen-, Hyaluronsäure- oder Eigenfettinjektionen in diesem Bereich.

    An der Frauenklinik des Universitätsklinikums Freiburg werden solche Eingriffe allerdings nur dann vorgenommen, wenn dies medizinisch notwenig ist. So können deutlich vergrößerte „kleine“ Schamlippen beim Geschlechtsverkehr aber auch beim Sport als störend empfunden werden. „Kosmetische Eingriffe oder Operationen zur Steigerung des Lustempfindens im Genitalbereich führen wir nicht durch“, bekräftigt Professor Gerald Gitsch, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Freiburg.

    Abgesehen davon, dass solche „Verschönerungen“ ethisch stark fragwürdig sind, kommen auch noch rein medizinische Bedenken hinzu: Bei all diesen kosmetischen Operationen am weiblichen Genitale fehlen Risikoeinschätzungen und Komplikationsraten. Wer also ernsthaft meint, durch eine Vaginal-Verjüngung seine Ehe retten zu können, sollte sich über die Risiken solcher Operationen bewusst sein.

    „Zu den Komplikationen solcher Eingriffe zählen Wundheilungsstörungen und Entzündungen, Narbenbildungen, Sensibilitätsstörungen mit herabgesetzter sexueller Empfindlichkeit bis hin zu deutlichen Funktionsbeeinträchtigungen des Genitale“, warnt Professor Gitsch. „Durch die Narbenbildung kann es zu Schmerzen beim Gehen, Sitzen und beim Geschlechtsverkehr kommen.“ Daneben weist die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe darauf hin, dass es bislang keine wissenschaftlichen Daten gibt, die nachweisen, dass diese Eingriffe zu einer anhaltenden psychischen Verbesserung führen würden (Stellungsnahme im pdf-Format hier).

    Experten sehen den Grund für die steigende Zahl von kosmetischen Genitaloperationen unter anderem in der Modeerscheinung der Intimrasur. Durch sie fallen unregelmäßige, zu kleine oder zu große Schamlippen mehr auf und werden von den Frauen oft als unästhetisch empfunden. Aber nicht immer steckt ein Modetrend hinter dem Wunsch einer Genitaloperation. „Gelegentlich können sich eine Depression oder Paarprobleme hinter dem Operationswunsch verbergen“, weiß Professor Gitsch. „Gerade in der Pubertät kann der Operationswunsch auch Ausdruck einer Körperbildstörung sein.“

    Welcher Grund auch immer hinter dem Wunsch nach einer Genitaloperation steckt, Frau sollte dabei immer bedenken, dass die Folgen einer solchen Operation das Sexualleben und die Lebensqualität noch Jahre danach beeinflussen können – und zwar negativ.

    … soweit also der Beitrag aus “amPuls-online

    Vielleicht fragen Sie sich jetzt aber, was denn der “Schönheitswahn im Genitalbereich” mit sexueller Verwahrlosung zu tun hat, oder gar mit Pornographie? Nun, wenn Professor Gerald Gitsch, Ärztlicher Direktor der Universitäts-Frauenklinik Freiburg und quasi “Kronzeuge” in dem obigen Artikel vermutet, dass die steigende Zahl von kosmetischen Genitaloperationen von der Modeerscheinung der Intimrasur herrühren könne und wenn er beobachtet hat, dass  “gerade in der Pubertät der Operationswunsch auch Ausdruck einer Körperbildstörung sein kann“, so ist damit die Frage nach den Ursachen nicht wirklich beantwortet. Nun läßt sich trefflich diskuttieren über das Frauenbild in unserer Gesellschaft (gerne auch über das Männerbild), über die Rolle der Medien oder der Erziehung, von “Vorbildern” wie Bushido und tausend Dinge mehr. Nein, eine einfache Antwort weiß ich auch nicht und ich möchte mich auch nicht Aufschwingen zum Richter darüber, wieviel oder welche Art von Sex “normal”, “gesund” oder auch nur “unbedenklich” ist. Freuen würde ich mich allerdings, wenn ich Sie durch meine Hinweise zum Nachdenken anrege. Ihre Gedanken können Sie gerne in den Kommentaren hinterlassen; als weitere Diskussionsgrundlage empfehle ich Ihnen noch die folgenden beiden Artikel zum Thema “Sexuelle Verwahrlosung”:

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  • Blau macht kreativ, Rot macht aufmerksam

    Geschrieben am 5. Februar 2009 MSimm Keine Kommentare

    An Theorien, Vermutungen und Behauptungen zur Wirkung unterschiedlicher Farben auf den Menschen gibt es keinen Mangel . Fragt man jedoch nach Beweisen, so geraten auch Experten leicht ins Wanken. Selbst das wohl angesehenste Nachschlagewerk, die Encyclopaedia Britannica, flüchtet sich ins Ungefähre, wenn sie zur Farbpsychologie erklärt, dieser wichtigste Aspekt der Farbe im täglichen Leben sei “wahrscheinlich am schlechtesten definiert und höchst variabel”, zudem kulturell und geschichtlich geprägt und überdies noch abhängig vom Alter, der Stimmung und der geistigen Gesundheit des Betrachters.

    Prof. Juliet Zhu von der UBC Sauder School of Business

    Prof. Juliet Zhu von der UBC Sauder School of Business

    Licht ins Dunkel bringen nun zwei Fachleute für Marktforschung: Die Privatdozentin Rui (Juliet) Zhu und ihr Kollege Ravi Metha von der Sauder School of Business im kanadischen Vancouver konnten in einer ganzen Reihe von Experimenten zeigen, dass die Farbe Rot bei Denkaufgaben die Aufmerksamkeit erhöht und zu einem besonders sorgfältigen Arbeiten anregt. Die Farbe Blau dagegen veranlasste die freiwilligen Versuchspersonen, ihre Denkaufgaben entspannter anzugehen. Sie konzentrierten sich weniger auf die Details, bewiesen dafür aber größere Kreativität und mehr Überblick.

    Ausgangspunkt der Experimente waren die bisher oft widersprüchlichen Ergebnisse anderer Wissenschaftler, die sich mit der Auswirkung von Farben auf die Denkleistung beschäftigt haben, schreiben Zhu und Mehta im ScienceExpress, der Online-Ausgabe der Fachzeitschrift Science. “Einige Versuche haben nahe gelegt, dass Blau oder Grün für die Denkleistung besser wäre als Rot; andere Versuche haben das Gegenteil gezeigt”, so die beiden Wissenschaftler.

    Zhu und Mehta entwarfen daher sechs Versuchsreihen, bei denen die Freiwilligen meist am Computer vor einem blauen, roten oder neutralem Hintergrund unterschiedliche Aufgaben bewältigen mussten. So ging es unter anderem darum, Ideen für Kinderspielzeuge zu entwickeln, durch die Umstellung von Buchstaben aus einem Wort ein anderes Wort zu schaffen, oder sich möglichst viele Wörter von einer Liste zu merken.

    Vor einem roten Hintergrund erinnerten die Versuchspersonen dabei eindeutig mehr Worte aus einer Liste mit 36 Einträgen. Präsentierte man den Probanden dagegen eine Liste von Worten mit ähnlicher Bedeutung, von denen aber nur eines auf der ursprünglichen Liste stand, so war die Fehlerquote vor einem blauen Hintergrund deutlich höher. Die Versuchsteilnehmer – so scheint es – ließen ihrem Geist hier eher freien Lauf und erzielten ein schlechteres Resultat, weil sie sich weniger auf die Details konzentriert hatten.

    In einem anderen Wortspiel ging es darum, aus Hinweisen wie “Regal” und “lesen” ein bestimmtes Zielwort (hier: “Buch”) zu finden. Diesen Test benuzten Psychologen gerne, um Kreativität zu messen und hier erwies sich ein blauer Hintergrund eindeutig als der bessere. Besonders aufschlussreich war ein Experiment, bei dem die Versuchsteilnehmer aus 20 Bauteilen Kinderspielzeuge basteln sollten, deren Wert anschließend von unabhängigen Gutachtern beurteilt wurde. Hatte man den Probanden die Bauteile zuvor in roter Farbe präsentiert, so schufen diese nach Meinung der Gutachter eher praktisches Spielzeug, waren die Bauteile dagegen blau, so schufen die Versuchsteilnehmer zwar nicht mehr Spielzeuge, doch waren diese laut Urteil der Jury origineller und kreativer, als jene, die aus roten Vorlagen zustande kamen.

    “Mit unseren Ergebnissen können wir die bisherigen Widersprüche auflösen”, behaupten Zhu und Mehta. Die Farben Rot und Blau bringen uns demnach in unterschiedliche Grundstimmungen und wirken sich deshalb bei verschiedenen Aufgaben unterschiedlich aus. Der Zusammenhang zwischen diesen Grundstimmungen (Motivationen) und den Farben beruhe auf Erfahrung und Lernvorgängen, erklären die Marktforscher:

    Rot werde mit Gefahr und Fehlern in Verbindung gebracht, weil beispielsweise Fehler in Hausarbeiten mit roter Farbe markiert werden, weil die gleiche Farbe auch für Warnhinweise gebraucht wird oder weil Verkehrsschilder, die Autofahrer alarmieren sollen wie “STOP” oder “Vorfahrt gewähren” ebenfalls häufig in Rot gehalten sind. Die Farbe Blau dagegen werde von den meisten Menschen mit dem Wasser oder dem Himmel in Verbindung gebracht und löse daher Gefühle von Offenheit, Frieden und Ruhe aus. In solch einer Stimmung sei man eher bereit, neue Strategien zu erproben.

    Die gegensätzlichen Stimmungen könnten sich entweder als Vorteil oder als Nachteil erweisen, je nachdem welche Fähigkeiten zu Lösung einer Aufgabe gerade gebraucht werden, argumentieren Zhu und Mehta. Rot führe demnach eher zu einer Denkweise, die das Vermeiden von Fehlern begünstigt und bringt deshalb bessere Ergebnisse bei Aufgaben, bei denen es auf die Details aufkommt. Wer sich Namen, Zahlen und andere Fakten merken oder andere vor Gefahren warnen will, sollte sich deshalb mit einem Rotstift bewaffnen.

    “Wenn für die Aufgabe jedoch Kreativität und Fantasie gebraucht werden, wäre blau die nützlichere Farbe”, raten Zhu und Mehta. Allerdings habe man die Versuche an einer nordamerikanischen Universität durchgeführt und es sei ihnen durchaus bewusst, dass die gleiche Farbe in unterschiedlichen Kulturen verschiedene Assoziationen haben könne. Deshalb müssten die Experimente auch anderswo wiederholt werden, bevor man die Ergebnisse verallgemeinern könne.

    Quelle:

    Hintergrund Farbpsychologie:

    Goethes Farbenkreis zur Idealisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens

    Goethes "Farbenkreis zur Idealisierung des menschlichen Geistes- und Seelenlebens"

    “Die Erfahrung lehrt uns, dass die einzelnen Farben besondere Gemütsstimmungen geben” dozierte bereits Johann Wolfgang von Goethe. Seine 1810 erschienene Schrift “Zur Farbenlehre” betrachtete der Dichterfürst selbst als sein wichtigstes Werk und scheute sich nicht, dem englischen Universalgenie Isaac Newton zu unterstellen: “Alle aufgestellten Experimente sind falsch oder falsch angewendet.“ Zwar irrte Goethe in vielen Punkten, doch gilt sein Werk gleichwohl als einer der Grundsteine der modernen Farbpsychologie.

    Den meisten Menschen vertraut ist die Wahrnehmung, dass Rot, Orange, Gelb und Braun als “warm” empfunden werden, Blau, Grün und Grau dagegen als “kalt”. Warme Farbtöne sollen Aufregung, Freude, Erregung, aber auch Aggressionen hervor rufen; Blau und Grün werden mit Sicherheit, Ruhe und Frieden in Verbindung gebracht; Braun, Grau und Schwarz schließlich mit Trauer und Melancholie.

    In anderen Kulturkreisen ist die Bedeutung der Farben jedoch manchmal anders belegt. Während bei uns in Schwarz getrauert wird, steht dafür in Indien die Farbe Weiß. Viele Psychologen glauben, aus dem Farbgebrauch eines Menschen und dessen Reaktion auf verschiedene Farben Informationen über dessen Seelenleben gewinnen zu können.

    Besonders populär ist ein Persönlichkeitstest, den der Schweizer Psychologe Max Lüscher entwickelt hat. Seine Bücher wurden in 29 Sprachen übersetzt und noch heute ist Lüscher als Berater für Firmen und für die Werbung tätig. Seine Mitwirkung bei der Gestaltung der Trikots für die Schweizer Fussballnationalmannschaft zeigte allerdings keinen besonderen Erfolg – bekanntlich kam das Team bei der letzten Europameisterschaft im eigenen Land nicht über die erste Runde hinaus.

    Weiter noch als Lüscher gehen manche Psychologen, die behaupten, mittels einer Farbtherapie (auch Colortherapie oder Chromotherapie genannt) ließen sich Ängste, Schlafstörungen, Erschöpfungszustände oder Rheuma lindern oder gar heilen. Dagegen warnt die AOK vor dem Versuch, ernsthafte Krankheiten mit solch einer Farbtherapie zu behandeln. “Wenn dadurch eine fachgerechte medizinische Therapie unterbleibt, können gravierende Folgen entstehen”, heißt es auf der Webseite der größten deutschen Krankenkasse, die außerdem betont, dass die Kosten solch einer Therapie nicht erstattet werden.

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