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  • Parkinson: Erste Zelltherapie in Deutschland

    Geschrieben am 10. November 2003 MSimm Keine Kommentare

    Dass etwas nicht stimmt, bemerken anfangs nur die engsten Angehörigen. Mit einigen unbeholfenen Bewegungen oder einem leichten, halbseitigen Zittern beginnt der Leidensweg der Parkinson-Kranken. Medikamente helfen zwar viele Jahre, die Kontrolle zu behalten. Das Zittern des verstorbenen Papstes Johanes Paul II und die eingefrorenen Gesichtszüge des „größten Boxers aller Zeiten“, Muhammad Ali, aber zeigen, welches Schicksal die über 200 000 Betroffenen in Deutschland erwartet.

    Die spektakulärste und wegen ihrer durchwachsenen Erfolgsbilanz umstrittenste Therapie gegen die Krankheit erproben vor allem amerikanische Ärzte seit etlichen Jahren: Mitten ins Hirn werden Zellen transplantiert, um die gestörte Produktion des Botenstoffes Dopamin wiederherzustellen. Nun hat das Berliner Pharma-Unternehmen Schering bekannt gegeben, dass auch deutsche Neurochirurgen seit April eine ähnliche Therapie gegen die Parkinsonkrankheit testen. Der Versuch weist zwei Besonderheiten auf: Es ist das erste Mal, dass Patienten in Deutschland Zellen ins Gehirn eingepflanzt bekommen, sagt die Projektleiterin Elke Reisig. Außerdem stammen die Zellen aus der Netzhaut der Augen verstorbener Organspender.

    Bei den über 600 Zellverpflanzungen im Ausland stammte das implantierte Gewebe meist aus abgetriebenen menschlichen Embryonen oder, in einigen wenigen Fällen, von Schweinen. Moderaten Verbesserungen bei der Mehrzahl der Patienten stand dabei eine beträchtliche Zahl von Versuchsteilnehmern mit gravierenden Bewegungsstörungen gegenüber, die teilweise erst nach einer zweiten Operation verschwanden.

    Das in Deutschland erprobte Verfahren, das die kalifornische Firma Titan Pharmaceuticals entwickelt hat und Schering zur Marktreife führen will, wurde zunächst in einem kleinen Vorversuch getestet: Bei sechs Patienten hatte die Transplantation die Beweglichkeit um durchschnittlich 40 Prozent erhöht, die Verbesserung hatte über mehr als zwei Jahre angehalten. Darum folgt nun ein größerer Therapieversuch mit 68 Patienten in Europa und den USA, von denen zwölf bereits behandelt worden sind. Die meisten der europäischen Probanden will man an den Universitätskliniken Köln und Heidelberg operieren. Das nur bohnengroße Zielgebiet tief im Mittelhirn steuern die Teams der Neurochirurgen Volker Sturm und Volker Tronnier dabei mit einer Hohlnadel an, deren Pfad anhand detailreicher Bilder von einem Computer errechnet wird. In jeder Hirnhälfte legen die Chirurgen etwa 325 000 Netzhautzellen ab. Allerdings wird mit Einverständnis der Patienten nur jeder zweite von ihnen tatsächlich implantiert. Wen das Los dazu bestimmt, der bekommt eine Scheinoperation: In seinen Schädel wird zwar ein Loch gebohrt, aber dann keine Hohlnadel mehr ins Gehirn geschoben.

    Dieses für eine OP-Technik unübliche Verfahren soll sicherstellen, dass man später etwaige Fortschritte auseinander halten kann, die durch die Zellen und durch die intensive Betreuung der Versuchsteilnehmer ausgelöst werden. Die Planer der Studie halten dieses Verfahren für notwendig: Vor einigen Jahren hatten die ersten derart kontrollierten Versuche die Euphorie über die Implantation von Embryo-Zellen gedämpft.

    Wird der jetzige Versuch mit den Netzhautzellen zum Erfolg, dürfte das Ergebnis auch die Debatte um die Nutzung von Stammzellen beeinflussen. Seit Jahren nämlich wird die Parkinsonsche Schüttellähmung als Paradebeispiel dafür präsentiert, welche Heilerfolge mit embryonalen Stammzellen möglich sein könnten. Die Gegner der uneingeschränkten Forschung, die in Deutschland in der Mehrheit sind, werden es mit Genugtuung zur Kenntnis nehmen, dass deutsche Forscher maßgeblich beteiligt sind an einem Versuch, das ethisch umstrittene Rohmaterial entbehrlich zu machen.

    (Erschienen in der Süddeutschen Zeitung)

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  • Frische Zellen gegen die Schüttellähmung

    Geschrieben am 10. August 1999 MSimm Keine Kommentare

    Ob Herz oder Niere, längst ist die Organtransplantation zur Routine geworden. Nur das Gehirn stellte die Medizin bisher vor scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten. Dabei gelangen Wissenschaftlern schon in den 80er Jahren beeindruckende Erfolge mit der Verpflanzung von Nervenzellen bei Ratten, die an einer Parkinson-ähnlichen Krankheit litten. Tiere, die sich zuvor hilflos im Kreis gedreht hatten, gewannen ihre ursprüngliche Bewegungsfähigkeit zurück oder drehten sich zumindest deutlich langsamer. Allerdings waren die Spenderzellen für die Tierversuche aus dem Gewebe abgetriebener Rattenembryonen gewonnen worden.

    Da die Umsetzung dieser Strategie beim Menschen große ethische Probleme bereitet, versuchte man zunächst, Gewebe aus dem Nebennierenmark von Parkinsonpatientenzu entnehmen und in die geschädigten Hirnregionen zu transplantieren. Bis 1989 wurden weltweit mehr als 300 solcher Eingriffe vorgenommen, jedoch führte dies nur bei einem Drittel der Kranken zu einer leichten Verbesserung der Bewegungsstörungen in den ersten neun Monaten. Den bei Parkinsonpatienten fehlenden Botenstoff Dopamin konnten die Zellen aus der Niere offenbar nicht ersetzen.

    Hirngewebe aus abgetrieben menschlichen Embryonen implantierte 1987 erstmals ein Ärzteteam aus Mexico City bei einem Parkinsonpatienten. Ähnliche Eingriffe gab es seitdem rund 250 Mal, wobei die Arbeitsgruppe um Anders Björklund an der schwedischen Universität Lund besonders erfolgreich war. Die transplantierten Zellen übernehmen die Aufgabe abgestorbenen Gewebes in der Hirnregion der Substantia nigra und sie überleben dort mindestens ein halbes Jahr nach dem Eingriff.

    In den letzten zehn Jahren hat Björklund mindestens 16 Patienten behandelt, darunter auch zwei Deutsche. Für die Entnahme der Zellen hatte die schwedische Regierung eigens ein Gesetz erlassen. Durch die vollständige Trennung von legalen Abtreibungen und Zelltransplantationen soll verhindert werden, dass Embryonen als Organspender missbraucht werden. Auch die europäische Expertenkommission Nectar (Network on European CNS Transplantation and Restoration) hat Richtlinien verabschiedet, die eine strikte Trennung zwischen Schwangerschaftsabbruch und Gewebegewinnung vorschreiben. Die mögliche Nutzung von Gewebe darf also keinerlei Einfluss auf die Entscheidung der Frau haben.

    In den Vereinigten Staaten ist die staatliche Förderung derartiger Experimente derzeit verboten. Renommierte Forscher wie Curt Freed von der University of Colorado haben dennoch zahlreiche Patienten behandelt, die an der Parkinson´schen Krankheit litten. Das Geld dafür wurde Freed von privaten Spendern und Biotechfirmen bereitgestellt. Zwar sind die Ergebnisse von Freeds Arbeiten größtenteils noch unveröffentlicht, doch konnte er auf einer Fachkonferenz im Frühjahr 1999 zumindest berichten, daß ein Teil der jüngeren Patienten von der Behandlung profitiert.

    In Deutschland gelten die Richtlinien der Zentralen Ethikkommission bei der Bundesärztekammer zur Übertragung von Nervenzellen in das Gehirn von Menschen. Darin werden „erhebliche Bedenken” gegen Heilversuche und klinische Studien zum gegenwärtigen Zeitpunkt vorgebracht und ein Versuchsstopp empfohlen, bis die Grundlagenforschung weiter fortgeschritten ist. Einen möglichen Ausweg aus dem ethischen Dilemma sehen Björklund, Freed und andere Wissenschaftler darin, Nervenzellen im Labor zu züchten oder von Tieren zu gewinnen. Ron McKay vom Nationalen Schlaganfallinstitut der USA ist es bereits gelungen, die Zahl embryonaler Rattenzellen in Kulturschalen zu verzehnfachen und mit diesen Zellen erwachsene Tiere erfolgreich zu behandeln. Im Herbst vergangenen Jahres verpflanzte Freed klonierte Kuhzellen auf parkinsonkranke Ratten. Wenig später fanden Forscher der Universitäten Lund und Konstanz einen Trick, um die Haltbarkeit embryonaler Zellen nach der Transplantation zu verbessern. Ihnen gelang es, ein Enzym auszuschalten, welches kurz nach der Transplantation einen Großteil des verpflanzten Gewebes zerstört. Der Anteil überlebender Zellen konnte so in Ratten auf das Vierfache gesteigert werden.

    Mit embryonalen Schweinezellen versucht die amerikanische Biotechfirma Genzyme die Versorgungslücke zu schließen. Erste Versuche seien sowohl bei 12 Parkinsonpatienten als auch bei 12 Patienten mit Chorea Huntington ermutigend verlaufen, teilte die Firma im April 1999 mit. Im Februar diesen Jahres hat Genzyme ähnliche Experimente in Großbritannien beantragt, meldete der Nachrichtensender BBC. Allerdings hat der Europarat kürzlich ein Moratorium für die Verpflanzung tierischer Organe auf den Menschen gefordert. Es sei nicht ausgeschlossen, dass dabei Krankheitserreger verschleppt oder gar neue Seuchen verursacht werden.

    Ohne embryonales Gewebe und ohne tierische Zellen behandelte Douglas Kondziolka vom Center for Image-Guided Neurosurgery der University of Pittsburgh bisher neun Patienten, die einen Schlaganfall erlitten hatten. Kondziolka nutzte Zellen, die ursprünglich aus einem Tumor gewonnen und durch Zugabe von Vitamin A dauerhaft in Nervenzellen verwandelt wurden. Lizenznehmer ist die Firma Layton Bioscience welche die „gezähmten” Tumorzellen in ihren Katalogen zum Versand anbietet. Ihre Bewährungsprobe haben die so genannten hNT-Neuronen bereits bestanden, wie Kondziolka im Februar 1999 auf einer Fachtagung der American Heart Association berichtet hat: Alle Operationen die jeweils etwa ein halbes Jahr nach dem Schlaganfall erfolgten, seien unproblematisch und sicher gewesen, berichtete der Neurochirurg. Bereits 24 Stunden nach dem Eingriff konnten die Patienten die Klinik verlassen. Drei von ihnen vermeldeten „geringfügige Verbesserungen der Beweglichkeit”, doch ist laut Kondziolka unklar, ob dieser Erfolg dem Eingriff selbst oder anderen Faktoren zu verdanken ist.

    Forschern der kanadischen Firma NeuroSpheres Limited ist es sogar schon gelungen, mit Nervenstammzellen Mäuse zu retten, die eine normalerweise tödliche Strahlendosis erhalten hatten. Wie Christopher R.R. Bjornsen und seine Kollegen in der Fachzeitschrift „Science” berichteten (Band 283, S. 534, 1999), wanderten die transplantierten Stammzellen ins Rückenmark und übernahmen dort die Herstellung aller Arten von Blutzellen.

    In Fachkreisen haben derartige Versuche große Begeisterung hervorgerufen, berichtete Evan Snyder vom Children´s Hospital in Boston im Januar 1999 auf der Jahrestagung der US-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften (AAAS) in Anaheim. Snyder, der selbst zu den erfolgreichsten Forschern auf diesem Gebiet zählt, verglich die neuronalen Stammzellen mit Saatgut, das die Löcher in einem kaputten Rasen stopfen könnte. Menschliche Nervenstammzellen, die Evans auf Mäuse mit verschiedenen Arten von Hirnschäden transplantierte, wanderten selbstständig dorthin, wo sie gebraucht wurden. Am Unfallort reiften sie dann zu exakt den Zelltypen heran, die am dringendsten benötigt wurden und nahmen Kontakt zu intakten Nachbarzellen auf. „Ich denke, wir haben jetzt eine Alternative zur Transplantation embryonaler menschlicher Zellen gefunden”, sagte Snyder. Ausreichende finanzielle Mittel vorausgesetzt können die Erprobung der Technik bereits in zwei Jahren beginnen.

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